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Forschung enthüllt 'the Not-Face' - so sagt unser Gesicht weltweit 'Nein'


Menschen ähneln in vielen Situationen einem Wackel-Dackel: Während ihr Gegenüber Ihnen in einer Unterhaltung zuhört, nickt die Person meist fleißig und lächelt. Nur bedeutet das auch zwangsläufig, dass sie den Aussagen zustimmt? Nein! Denn Nicken und Lächeln sind soziale Schmiermittel, die Kommunikation erleichtern. Sie finden bei uns Menschen wie beim Wackel-Dackel meist reflexartig statt. Diese Signale mit Zustimmung zu verwechseln, kann zum Beispiel für einen Verkäufer zu einem abrupten Erwachen aus dem Abschluss-Traum führen, wenn plötzlich nicht erwartete Einwände auftauchen oder der erhoffte Abschluss ausbleibt.

Eine Forschergruppe der Ohio Universität hat nun in einer brandneuen Studie (veröffentlicht im Journal Cognition am Montag, 28. März 2016) einen neuen Gesichtsausdruck entdeckt, der kulturübergreifend als Ausdruck einer negativen Emotion im Sinne einer Verneinung, eines Einwands verstanden wird. Diesen mimischen Ausdruck zu erkennen, kann Ihnen nicht nur in Verkaufsgesprächen sondern auch in Verhandlungen, Arzt-Patienten-Gesprächen und anderen Situationen im beruflichen Alltag sowie in Ihrer Partnerschaft den entscheidenden Vorsprung verschaffen. In meinem Buch "30 Minuten Mimik lesen" (Gabal-Verlag) sowie in verschiedenen Artikeln habe ich bereits sieben Gesichtsausdrücke beschrieben, die Ihnen verraten, dass Ihr Gegenüber einen (unausgesprochenen) Einwand hat. Wenn Ihnen diese Einwandsignale bewusst sind, können Sie Widerstände leichter erkennen und somit frühzeitig berücksichtigen. Das neu entdeckte Not-Face (so haben die Forscher ihre Entdeckung genannt) ist ein weiterer Gesichtsausdruck, der Ihnen einen Hinweis auf einen Einwand bei Ihrem Gesprächspartner gibt - und das kulturübergreifend!

Worte sind aus der Mimik entstanden

Die Entdeckung des Not-Face ist für die Wissenschaft aber noch weit mehr. Sie gibt einen Einblick darin, wie sich unsere Sprache ausgehend von der Mimik entwickelt hat: Stück für Stück haben Worte in der Evolution mimische Ausdrücke ersetzt. Fortgesetzt bis zum heutigen Tag, wo wir in unserer täglichen Kommunikation den Worten die meiste Beachtung schenken und die Ausdruckskraft der stillen Sprache der Mimik nahezu vergessen haben. Dass es aber keine Worte braucht, um uns zu verstehen, zeigen uns Tag für Tag sehr eindrücklich unsere Kinder. ;)



So sieht das Not-Face, die Nein-Mimik, aus

Das Not-Face ist ein weiteres Puzzlestück in der Entschlüsselung des Rätsels, wie sich unsere Sprache entwickelt hat. Es verbindet uns nonverbal mit unseren archaischen Vorfahren in der Steinzeit. Nun aber zu der Studie. Die Forschergruppe rund um C. Fabian Benitez-Quiroz analysierte die Gesichtsausdrücke von 158 Personen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Die Aufforderung lautete: "Zeigen Sie einen Gesichtsausdruck, der ein klares Nein ausdrückt"! Wie sah die prototypische Nein-Mimik aus? Nehmen Sie sich einen Spiegel und probieren Sie es selbst aus. Wie sagen Sie mit Ihrer Mimik 'Nein'? In der Studie zogen 96,21 Prozent der Probanden die Augenbrauen zusammen (Action Unit 4), 71,21 Prozent hoben den Kinnbuckel an (Action Unit 17) und 71,97 Prozent pressten die Lippen zusammen (Action Unit 24) und/oder pressten einen Mundwinkel ein (Action Unit 14).

'Augenbrauen Augenbrauen zusammengezogen, angehobener Kinnbuckel und gepresste Lippen/eingepresste Mundwinkel - der prototypische Ausdruck des "Not-Face" (Quelle: Ohio State University)

Zusätzlich analysierten die Forscher Videosequenzen aus dem realen Leben, um zu überprüfen, ob sich der Not-Face-Gesichtsausdruck nicht nur im Labor sondern auch unter natürlichen Bedingungen zeigt. Und sie wurden fündig.

Die Nein-Mimik außerhalb des Labors - A) Angela Merkel. B) ein Profi-Fußballspieler, dem ein Torschuss misslungen ist. C) ein Trainer, der mit einer Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden ist. (Quelle: Journal Cognition, Vol. 150, Mai 2016, S. 81) Die Nein-Mimik außerhalb des Labors - A) Angela Merkel. B) ein Profi-Fußballspieler, dem ein Torschuss misslungen ist. C) ein Trainer, der mit einer Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden ist. (Quelle: Journal Cognition, Vol. 150, Mai 2016, S. 81)

Das Not-Face setzt sich somit aus mimischen Bestandteilen dreier Emotionen zusammen: das Zusammenziehen der Augenbrauen (AU 4) und das Pressen der Lippen (AU 24) ist Bestandteil der Ärger-Expression, das Anheben des Kinnbuckels (AU 17) kommt bei Ekel vor und das Einpressen des Mundwinkels (AU 14) bei Verachtung. Damit beinhaltet das Not-Face Teilausdrücke aller drei offensiven Emotionen (Ärger, Ekel, Verachtung).

Achten Sie auf die schnellen Gesichtsausdrücke

In einem anderen Experiment untersuchten die Forscher weiter, in welcher Geschwindigkeit das Not-Face über das Gesicht huscht. Um dies zu analysieren, filmten sie 26 Versuchspersonen während diese sprachen. Auch in diesem Versuch achteten die Wissenschaftler darauf, dass die Probanden unterschiedliche kulturelle Hintergründe hatten. Für die Studie wählten sie spezielle kulturelle Hintergründe aus, die verschiedene grammatikalische Ursprünge haben: Englisch, Spanisch und Mandarin. Die Frequenz, in der das Not-Face sich zeigte, betrug im Durchschnitt 5,68 Hz (ca. 170 Millisekunden). Dies liegt in der Spanne von 3 bis 8 Hz, die wir in der Sprache zur Produktion von Wortsilben nutzen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Mimik, in diesem Fall das Not-Face, als grammatikalischer Marker (hier für eine Verneinung) genutzt wird. Dies zeigt die Verbindung mimischer Signale zur Entwicklung der Sprache.

Achten Sie also besonders auf die schnellen und feinen Bewegungen der Mimik, wenn Sie das Not-Face entdecken möchten. Auch andere Studien haben gezeigt, dass diese schnellen Gesichtsausdrücke - die sog. Mikroexpressionen - unwillentlich auftreten und Aufschluss über Gefühle und Einwände geben, die der Person noch nicht bewusst sind bzw. verheimlicht werden sollen. So fallen Sie nicht mehr auf den Wackel-Dackel-Reflex rein und erkennen treffsicher, ob Ihr Gegenüber vielleicht einen Einwand hat, der noch nicht ausgesprochen wurde.