% Wahrnehmung

Haben Sie Fragen? Telefon: 030 235 99 38 0 oder E-Mail: info@dirkeilert.com

Das Skandalinterview mit Katja Riemann - was verrät die Mimik? (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Am Donnerstag, den 14. März 2013, war Katja Riemann zu Gast beim Moderator Hinnerk Baumgarten auf der roten Couch in der Talksendung DAS! beim NDR. Die Frankfurter Rundschau schreibt dazu "Ein unmögliches Interview", die BILD kommentiert "Die Schauspielerin ließ Hinnerk Baumgarten auflaufen!" und "Der Spiegel" gar "Katja Riemann benimmt sich in NDR-Sendung daneben.". Das war der Auslöser dafür, dass ich mir die Sendung mal unter nonverbalen Aspekten - insbesondere denen der Mimik - angeschaut habe. Und es ist überaus spannend, was dort in Bezug auf die emotionale Gesprächsdynamik passiert ist.

Hier können Sie sich die Sendung anschauen.

Im Folgenden finden Sie eine kurze Analyse des Interviews - von aus meiner Sicht drei entscheidenden Szenen. Wie immer die wichtige Bemerkung: Körpersprache und Mimik kann uns nur Hinweise auf den emotionalen Zustand einer Person geben, niemals handelt es sich um Beweise oder Wahrheiten. Die folgende Analyse beruht auf meiner Einschätzung der Situation, die auf meinen Beobachtungen und den neuesten wissenschaftlichen Forschungen im Bereich der nonverbalen Kommunikation basiert.

Die erste Schlüssel-Situation zum Verständnis der Gesprächsdynamik ist gleich am Anfang des Gesprächs. Diese ist leider in dem oben genannten Video nicht zu sehen (dafür aber in dem von Stefan Niggemeier eingestellten Mitschnitt). Zu Beginn lächelt Katja Riemann noch freundlich und dann beginnt die Anmoderation von Hinnerk Baumgarten. Als er sagt „Katja Riemann ist heute bei uns, ein Wochenende mit der RAF...“ huscht eine sehr schnelle Mikroexpression von Überraschung über Riemanns Gesicht (subtiles Hochziehen der Augenbrauen und Oberlider, sowie Fallenlassen des Kiefers). Diese Aussage hat sie anscheinend nicht erwartet. Da die Emotion Überraschung die Besonderheit hat, dass sie lediglich eine Zwischenstation darstellt, ist hier wichtig, welche Expression danach kommt. Es folgt eine Mischexpression (zwei Emotionsausdrücke gleichzeitig): im unteren Gesicht Lächeln und im oberen Gesicht zusammengezogene Augenbrauen und angespannte untere Augenlider – insgesamt ein Zeichen für Unverständnis, allerdings noch mit einem leichten Schmunzeln unterlegt. Hier ist bereits das erste Zeichen sichtbar, dass es nicht gerade harmoniert zwischen Moderator und Gast.

Screenshot aus dem Mitschnitt von Stefan Niggemeier, Sekunde 10 Screenshot aus dem Mitschnitt von Stefan Niggemeier, Sekunde 10

Dann folgt direkt der Einspieler über den Tod Rosemarie Fendels. Katja Riemann ist mir ihrer Tochter befreundet und kannte sie gut. Sie ringt hier erkennbar darum, ihre Fassung zu behalten: sie schaut nach unten und beißt sich auf die Lippen, die Mundwinkel sind gepresst. Das sind typische Bewegungen, um die Mimik zu kontrollieren und Stress abzubauen.

Screenshot aus dem Mitschnitt von Stefan Niggemeier, Sekunde 45 Screenshot aus dem Mitschnitt von Stefan Niggemeier, Sekunde 45

Die zweite Szene kommt direkt im Anschluss und ist in dem zuerst genannten Video-Mitschnitt sichtbar. Der Moderator Hinnerk Baumgarten macht weiter mit einer lockeren Bemerkung zur Frisur von Katja Riemann: „Ich bin sehr froh, dass Sie Ihre blonden Locken haben, weil heute Morgen habe ich Sie schon angesehen in dem Kinofilm „Das Wochenende“ und da habe ich Sie fast nicht erkannt...“ Abgesehen davon, dass das ein sehr abrupter und unglücklicher Übergang vom Tod Fendels zur Frisur Riemanns ist, ist hier der mimische Ausdruck spannend, mit dem er seine Aussage unterlegt. Welche Emotion erkennen Sie in seiner Mimik?

Screenshot aus dem Interview-Mitschnitt, Sekunde 28 Screenshot aus dem Interview-Mitschnitt, Sekunde 28

Er rümpft die Nase und zieht die Oberlippe hoch. Das ist der prototypische Ausdruck für Ekel/Abscheu. Auch in einer milderen Form ein Signal für Ablehnung. Damit transportiert er deutlich sichtbar, wie er die Frisur von Riemann in dem Film "Das Wochenende" fand. Und sie reagiert prompt darauf: sie nickt und lächelt zwar höflich, aber 2 Sekunden später zeigt sich, was wirklich in ihr vorgeht, sie verschränkt die Arme, schließt die Augen, beißt sich auf die Lippen und es folgt eine Reihe von Beruhigungsgesten. Insgesamt zuverlässige Zeichen dafür, dass bei ihr der Stresspegel angestiegen ist.

Dies war nicht nur ausgelöst durch den Inhalt der Aussage Baumgartens. Denn Studien des US-amerikanischen Psychologen Albert Mehrabian haben gezeigt, dass insbesondere die Mimik darüber entscheidet, ob wir auf eine Aussage ablehnend oder zustimmend reagieren. Das ist die in Kommunikationsseminaren oft zitierte 7-38-55-Regel. Danach ist zu 7 % der Inhalt einer Aussage, zu 38 % die Stimme und zu 55 % die Mimik verantwortlich dafür, wie wir auf eine Aussage emotional reagieren. Mehrabian bezog sich damit zwar insbesondere auf Aussagen, in denen die verschiedenen Signale inkongruent zueinander sind, aber aus meiner Erfahrung ist die begleitende Mimik und Körpersprache auch entscheidend für die Wirkung einer Aussage, wenn die Botschaft kongruent ist. Zumindest ist nicht von der Hand zuweisen, dass es eine Wirkung hat, wenn jemand zu Ihnen sagt „Ich habe Sie fast nicht erkannt.“ und dabei die Nase rümpft.

Diese Szene ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie die emotionale Dynamik eines Gespräches auch über die Mimik beider Gesprächspartner reguliert und gesteuert wird. In diesem Fall in eine Negativspirale. Denn unsere Emotionen verfügen über eine sogenannte Refraktärzeit. Das bedeutet, wenn wir eine bestimmte Emotion erleben, wie zum Beispiel Ärger, dann dauert es eine Weile bis wir wieder offen werden für einen neuen emotionalen Zustand. Und in dieser Zeit fungiert die entsprechende Emotion als Wahrnehmungsfilter: wir nehmen alles, was passiert durch diese Emotion hindurch wahr. Im Falle von Ärger ist es dann zum Beispiel so, dass wir wesentlich schneller wieder ärgerlich werden, weil wir eine Aktion viel wahrscheinlicher als Angriff werten als wir dies in einem positiven Zustand tun würden.

Die zweite Schlüsselszene in dieser Sendung kommt bei Minute 10:53 als Baumgarten Katja Riemann die Frage gestellt, wie sie den gerade gezeigten Beitrag über ihren Geburtsort und ihre Kindheit empfunden hat. In diesem Beitrag wurden u.a. Nachbarn und ihre frühere Grundschullehrerin interviewt. Sie antwortet: "Wahnsinnig peinlich!" Ihre Mimik spricht dabei Bände: die linke Augenbraue ist angehoben, die Mundwinkel nach innen gepresst. Ein typischer Ausdruck, wenn wir etwas unmoralisch finden.

Screenshot aus dem Interview-Mitschnitt, Minute 10:54

Kurz danach sagt sie dies auch: "Ich finde das unheimlich intim, das geht niemanden etwas an!" Baumgarten reagiert darauf mit "Aber..." Dies löst bei Riemann direkt die nächste mimische Reaktion aus - dieses Mal mit einer sehr schnellen Mikroexpression: die Augenbrauen zucken kurz nach unten und zusammen, die oberen Augenlider werden leicht nach oben gezogen. Eine typische und in dieser Kombination zuverlässige Expression für Ärger, der anschließend auch in ihrer Stimme hörbar ist: sie antwortet mit schnellerer Sprechgeschwindigkeit, die Stimme ist höher und etwas lauter. Alles Merkmale eines stimmlichen Ausdrucks der ein Hinweis auf Ärger ist. Katja Riemanns Stresspegel steigt weiter. Bei Minute 11:12 kommt ein weiterer Hinweis darauf: schnelles Augenblinzeln und sie verhaspelt sich beim Sprechen. Baumgarten reagiert aus meiner Sicht darauf leider nicht angemessen. Er geht verbal in die Verteidigungshaltung. Der Schlagabtausch geht weiter. Dies führt dazu, dass die Situation fortschreitend eskaliert. In die Ecke gedrängt zeigt Katja Riemann bei 11:36 einen mimischen Ausdruck von Verlegenheit: Lächeln und der Blick seitlich nach unten. Die Situation ist ihr offensichtlich peinlich.

Screenshot aus dem Interview-Mitschnitt, Minute 11:48 Screenshot aus dem Interview-Mitschnitt, Minute 11:48

Danach erholt sich die Stimmung nicht mehr und das Gespräch kämpft sich verkrampft dem Ende entgegen.

Fazit: Zum Tanz Kommunikation gehören immer zwei. Auch wenn Katja Riemann als Diva bekannt ist und als schwierige Gesprächspartnerin gilt, hat Hinnerk Baumgarten in diesem Interview aus Sicht einer empathischen Gesprächsführung gravierende Fehler gemacht, welche dazu beigetragen haben, dass die Situation derart entgleisen konnte. Diese sind natürlich menschlich, weil auch er hat Emotionen. So wollte er Riemann zum Beispiel mit dem Beitrag über ihre Kindheit sicherlich eine Freude machen. Seine Enttäuschung darüber, dass dies nicht funktioniert hat, ist verständlich. Aber eine Verstrickung in die eigenen Gefühle ist keine gute Grundlage, um wertschätzend mit den Gefühlen unserer Gesprächspartner umzugehen.