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So wirkt Körpersprache auf uns: Faktoren nonverbaler Wirkung


In der letzten Woche hat Vizekanzler Sigmar Gabriel mit dem Stinkefinger, den er rechten Demonstranten gezeigt hat, für Aufsehen in der Öffentlichkeit gesorgt. Sinken seine ohnehin schon schlechten Umfragewerte nun noch stärker in den Keller? Oder hat er damit seinen Sympathiewerten möglicherweise einen Aufschwung beschert? Fakt ist: die Körpersprache einer Person wirkt auf uns und entscheidet hauptsächlich darüber, wie wir das Auftreten einer Person bewerten. Zwei Faktoren spielen dabei eine Rolle: Sympathie und Kompetenzvermutung. Diese Wirkfaktoren und deren Gesetzmäßigkeiten schauen wir uns in diesem Beitrag etwas genauer an.

Tipp: Sie möchten sich den Beitrag eher anhören statt ihn zu lesen? Dann scrollen Sie nach unten zum Ende des Artikels. Dort finden Sie den Mitschnitt eines Interviews mit mir zu diesem Thema.

Was erzeugt Sympathie?

Das Stichwort hier ist: Ähnlichkeit. "Gleich und gleich gesellt sich gern", weiß schon der Volksmund. Gleich und gleich gesellt sich gern!? Aber ziehen sich nicht Gegensätze an? Dieser Mythos hält sich wacker, ist aber wissenschaftlich widerlegt. Mit einer Ausnahme: Zum Beispiel wirken am Anfang einer Partnerschaft unterschiedliche Eigenschaften tatsächlich manchmal anziehend oder spannend. Früher oder später schlägt diese Faszination aber meist ins Gegenteil um und wird zum Ausgangspunkt eines Streits. Nichts ist in der Beziehungsforschung so gut untersucht und untermauert wie folgende Gesetzmäßigkeit: Gleich und gleich gesellt sich nicht nur gern, sondern ist auch glücklicher miteinander. Je mehr sich zwei Menschen beispielsweise in ihrer Attraktivität, ihren Wertvorstellungen und ihrer Persönlichkeit ähneln, desto größer ist die Chance, dass sie das Abenteuer Partnerschaft erfolgreich und glücklich meistern.

Der amerikanische Sozialpsychologe Donn Byrne hat sich den Umstand, dass Ähnlichkeit Sympathie fördert, in einer Studie noch einmal genauer angesehen. Byrne interviewte zunächst eine Gruppe seiner Studenten, um deren wichtigste Meinungen und Interessen zu verschiedenen Themen zu erfahren. Er erstellte einen Fragebogen mit einer Liste von 26 Eigenschaften, von denen die Hälfte die substantielleren Themen (Einstellungen zu Gott oder Sex vor der Ehe) und die andere Hälfte die unwichtigeren (Musik- oder Filmgeschmack) betraf. Die Studenten sollten nun angeben, wie wichtig ihnen die einzelnen Punkte persönlich sind. So ergab sich ein ziemlich umfassendes psychologisches Interessensprofil jedes Teilnehmers.

Im nächsten Schritt bekamen die Probanden den Fragebogen eines "anderen Versuchsteilnehmers". Aufgrund seiner Antworten sollten sie dessen Attraktivität, Intelligenz und Moral einschätzen. Was die Studenten nicht wussten: Die Bögen waren komplett gefälscht. "Ich habe sie an meinem Küchentisch mit verschiedenen Stiften selbst ausgefüllt. Mal habe ich Häkchen gemacht, mal Kreuze, mal größer, mal kleiner, ein paar mit der linken und andere mit der rechten Hand", so Byrne. Er wollte vier unterschiedliche Versuchsgruppen generieren: Die erste Gruppe bekam Bögen, die sich in den Antworten komplett mit ihrem eigenen Interessens-Profil deckten. Bei der zweiten Gruppe wichen die Antworten hingegen in allen 26 Punkten ab. Die Teilnehmer der dritten und vierten Gruppe bekamen Bögen zu sehen, die in der Hälfte der Antworten übereinstimmten. Bei der dritten waren die wichtigeren Themen deckungsgleich, wie beispielweise die Haltung zur Religion, bei der vierten die unwichtigeren Punkte, wie der Musikgeschmack.

Das Ergebnis hätte nicht deutlicher ausfallen können: Die Versuchspersonen, die Bögen mit 100-prozentiger Übereinstimmung erhalten hatten, gaben ihren "Mitstudenten" (wir erinnern uns, die Bögen waren erfunden), auf einer Attraktivitätsskala von 14 Punkten durchschnittlich eine satte 13. Die zweite Gruppe, bei der es keine übereinstimmenden Themen gab, kam gerade einmal auf 4,41 Punkte. Das Ergebnis der dritten und vierten Gruppe überraschte selbst Byrne. Es gab nämlich keinen Unterschied. Beide lagen bei 7,20 Punkten. Mit zunehmender Gleichheit der Interessen nahm übrigens nicht nur die wahrgenommene Attraktivität zu, sondern auch die Intelligenz und Moral, die den erfundenen Personen von den Versuchsteilnehmern zugeschrieben wurde. Es kommt also nicht darauf an, in welchen Themen wir übereinstimmen, sondern darauf, dass wir überhaupt Übereinstimmungen haben. Je mehr, desto besser.

Wie wirkt nun das Prinzip Ähnlichkeit, wenn wir das Verhalten einer andere Person bewerten, in unserem Beispiel den Stinkefinger von Sigmar Gabriel? Die Frage, die wir uns hier stellen lautet: "Kann ich das Verhalten verstehen? Hätte ich genauso gehandelt?" Gabriels Geste in dieser Situation können wahrscheinlich viele Menschen nachvollziehen. Deshalb wird seine Reaktion seiner Sympathie eher nicht schaden. Ganz im Gegenteil: Ich habe das Video mehreren Personen gezeigt, viele mussten darüber schmunzeln und meinten so etwas wie "Das kann ich verstehen, ich hätte auch so reagiert. Das macht ihn irgendwie sympathisch."

Was bedeutet Kompetenzvermutung?

Wenn wir jemanden in seiner Wirkung bewerten, spielt neben dem menschlichen Aspekt der Sympathie auch der aufgabenbezogene Aspekt der Kompetenz, die wir einer Person aufgrund ihres Auftretens zuschreiben, eine Rolle. Da wir Kompetenz im Gegensatz zu Sympathie nicht direkt spüren sondern nur vermuten können, sprechen wir von der Kompetenzvermutung. Hier lautet das Stichwort: Professionalität. Die Frage, die wir uns stellen, lautet: "Passt das Verhalten zu meinen und den gesellschaftlichen Erwartungen und Ansprüchen an die Rolle, die die Person ausübt?"

Zwei Aspekte sind bei der Bewertung der Professionalität entscheidend: die Rolle der Person (bei Sigmar Gabriel die Rolle als Vizekanzler und Parteichef) und der Kontext. Schauen wir uns dies kurz am Beispiel von Donald Trump an: er konnte im Vorwahlkampf zur US-Präsidentschaft beleidigen und pöbeln wie er wollte, ohne Schaden zu nehmen. Bis zu dem Zeitpunkt als er die Eltern eines gefallenen US-Soldaten beleidigte. Da schlug die Stimmung um. Denn damit verletzte er eine wichtige gesellschaftliche Norm in den USA: ehre die Eltern derer, die sich für das Land geopfert haben. Daran sehen wir: der Kontext, in dem jemand etwas tut, ist wichtig, um die Wirkung zu bewerten, die dieses Verhalten auf uns ausübt.

Nun zurück zu Sigmar Gabriel: die Frage der Professionalität ist in diesem Fall die Frage, an der sich die Geister aus meiner Sicht scheiden. Einerseits glaube ich, dass in einer Zeit, in der Politikern zunehmende Profillosigkeit vorgeworfen wird, seine Reaktion durchaus positiv ankommt. Denn damit bezog er klar Stellung und zeigte sich als Person. Andererseits war von einigen auch zu hören, dass man sich als Vizekanzler und Parteichef doch zusammenreißen muss und nicht so ausfallend werden darf.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Sigmar Gabriel mit seiner Reaktion in der Öffentlichkeit durchaus gepunktet hat. Denn auch wenn in Sachen Professionalität gegensätzliche Meinungen zu hören waren, so konnten dennoch viele Menschen sein Verhalten verstehen und nachvollziehen (Faktor Ähnlichkeit).

Ergänzend zu diesem Beitrag können Sie sich hier mein Interview bei DRadio Wissen anhören (gesendet am 20. August 2016). Dort beleuchten wir auch die Frage, was Gabriels Stinkefinger von dem von Peer Steinbrück unterscheidet. Denn Steinbrücks Stinkefinger, den er im Bundeswahlkampf 2013 gezeigt hat, schadete ihm eher.