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Neue Studie: Deuten Männer die Signale von Frauen falsch?


Der US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 artete zu einer öffentlichen Schlammschlacht aus. Darunter auch ein viel diskutiertes Video, in dem Trump sich durch frauenverächtliche Sprüche einmal mehr in die Schusslinie der Öffentlichkeit gebracht hat. Dort sagt er unter anderem: “You know I’m automatically attracted to beautiful — I just start kissing them. It’s like a magnet” ("Ich werde automatisch von attraktiven Frauen angezogen - Ich fange einfach an, sie zu küssen. Es ist wie ein Magnet"). Trump scheint es dabei egal zu sein, welche Signale die Frau ausstrahlt. Ist es ein grundsätzliches Problem von Männern, dass sie die nonverbalen Zeichen von Frauen falsch interpretieren oder gar übersehen? Eine Frage, die essentiell ist, denn in den USA berichten zum Beispiel 20 bis 25 Prozent der Frauen am College, dass sie schon mal eine versuchte oder erfolgte Vergewaltigung erlebt haben. Dabei kannte die überwältigende Mehrheit den Täter. Das ist schockierend und alarmierend.

Wahrnehmungsverzerrung durch den Halo-Effekt

Wie gut haben Sie im Quiz abgeschnitten? Allein die Idee, dass nonverbale Signale wichtig sind, um einzuschätzen, ob das Gegenüber sexuell interessiert ist, verbessert die Trefferquote. Dies hat eine neue Studienreihe enthüllt. Da Sie gerade einen Blog lesen, der sich mit Mimik & Körpersprache beschäftigt, gehe ich davon aus, dass Sie zumindest unbewusst im Hinterkopf hatten, dass es in diesem Artikel irgendwie um nonverbale Signale geht. Aber noch eine weitere wichtige Erkenntnis hat eine der Studien enthüllt: Attraktivität und Kleidungsstil der Frau beeinflussen - neben den nonverbalen Signalen -, ob ein Mann sexuelles Interesse wahrnimmt. Dabei zeigt die Studie, dass vor allem bei Männern mit hohem Verhaltensrisiko zu sexuellen Übergriffen die Attraktivität und der Kleidungsstil der Frau stärker ins Gewicht fallen als die nonverbalen Signale, die sie aussendet. Eine weitere Studie offenbarte, dass auch der Kontext (z.B. Bar oder Supermarkt), in dem sich die Frau befindet, einen Einfluss auf die Einschätzung der Männer hat.

In der Psychologie kennt man dieses Phänomen unter dem Namen Halo-Effekt: eine Eigenschaft strahlt auf die Wahrnehmung anderer Eigenschaften aus. So tendieren wir beispielsweise dazu, attraktive Menschen als intelligenter und kompetenter einzuschätzen. Die wissenschaftliche Forschung hat allerdings deutlich gezeigt, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Attraktivität und Intelligenz gibt. Die falsche Wahrnehmung beruht also auf einer Verzerrung, die durch den Halo-Effekt ausgelöst wird. Das Gleiche passiert, wenn Männer das sexuelle Interesse einer Frau einschätzen: Attraktivität, Kleidungsstil und Kontext strahlen auf die Wahrnehmung des sexuellen Interesses aus. Die dabei auftretende Wahrnehmungsverzerrung kann verheerende Folgen haben, im schlimmsten Fall strafrechtliche Konsequenzen. Je attraktiver eine Frau ist und je aufreizender sie sich kleidet, desto mehr neigen Männer dazu, sexuelles Interesse zu unterstellen, auch wenn die nonverbalen Signale deutliche Zeichen von Ablehnung transportieren. Dies schiebt die Verantwortung jetzt allerdings nicht auf die Seite der Frauen. Denn die Forschung zeigt auch: diese Wahrnehmungsverzerrung kann aufgelöst werden.

Die Wahrnehmungsverzerrung auflösen

Was hilft dabei, die Wahrnehmungsverzerrung aufzulösen und die nonverbalen Signale des Gegenübers richtig einzuschätzen? Auch hier hat die wissenschaftliche Forschung eine Antwort. Erstens hilft die Bewusstheit darüber, dass Attraktivität, Kleidungsstil und Kontext zu einer Wahrnehmungsverzerrung führen können. Zweitens ist die Erkenntnis wichtig, dass es auf die nonverbalen Signale ankommt, wenn wir einschätzen wollen, ob unser Gegenüber sexuelles Interesse hat. Hier spielt insbesondere die Mimik eine tragende Rolle. Unsere mimische Muskulatur ist nämlich direkt mit dem Emotionszentrum im Gehirn verdrahtet und transportiert deshalb unsere Gefühle besonders zuverlässig nach außen. Drittens hat die Studie gezeigt: bekommen die Männer Feedback über Ihre Einschätzung (trainieren sie also ihre Wahrnehmung), verbessern sich die Erkennungsquoten signifikant. Dies lässt hoffen, dass durch die drei eben skizzierten Schritte nicht nur die Kommunikation zwischen Mann und Frau in Flirtsituationen verbessert wird, sondern dass auch brenzlige Situationen und sexuelle Übergriffe reduziert werden. Denn zumindest ein Teil der sexuellen Übergriffe kommt dadurch zustande, dass der Mann Signale empfängt, welche die Frau gar nicht ausgesendet hat.

Menschen für die stille Sprache von Körper und Mimik zu sensibilisieren und Ihnen auf diese Weise, eine neue Welt von Signalen zu öffnen, von denen viele nicht einmal geahnt haben, dass sie existiert, bedeutet für mich nicht nur, das miteinander Leben zu verbessern und zu vertiefen, sondern auch: Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie sich schützen und mit denen emotionale wie körperliche Gewalttaten verhindert werden können. Die neue Studienreihe der Universität Iowa hat gezeigt, dass ein Training im Erkennen nonverbaler Signale auch dabei helfen kann, sexuelle Übergriffe zu reduzieren, indem Wahrnehmungsverzerrungen aufgelöst werden.

Quelle der Studien:

    • Treat, T. A., Church, E. K., & Viken, R. J. (2016). Effects of gender, rape-supportive attitudes, and explicit instruction on perceptions of women’s momentary sexual interest. Psychonomic Bulletin & Review, 1-8.
    • Treat, T. A., Hinkel, H., Smith, J. R., & Viken, R. J. (2016). Men’s perceptions of women’s sexual interest: Effects of environmental context, sexual attitudes, and women’s characteristics. Cognitive Research: Principles and Implications, 1(1), 8.
    • Treat, T. A., Viken, R. J., Farris, C. A., & Smith, J. R. (2016). Enhancing the accuracy of men’s perceptions of women’s sexual interest in the laboratory. Psychology of Violence, 6(4), 562-572. doi:10.1037/a0039845