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Götze wechselt zu den Bayern: Was geht in Jürgen Klopp vor? (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Eigentlich sollte der gestrige Tag aus Fußballsicht voll im Lichte des Champions-League-Halbfinalspiels FC Bayern München gegen den FC Barcelona stehen. Doch eine andere Meldung hat die Fußballwelt in Atem gehalten (neben der Steueraffäre um Uli Hoeneß): der 20jährige Fußball-Nationalspieler Mario Götze, der seit seinem 9. Lebensjahr für Borussia Dortmund spielt, wechselt zur Bundesliga-Saison 2013/2014 für 37 Millionen Euro vom BVB zum FC Bayern München. Für die meisten Dortmunder-Fans ein Schlag ins Gesicht. Doch wie fühlt sich sein Trainer Jürgen Klopp? Auf der gestrigen Pressekonferenz äußerte er sich dazu und gibt sich selbst die Schuld am Wechsel. Möchte er die Stimmung vor dem heutigen Champions-League-Halbfinale mit seiner Aussage lediglich nicht noch mehr hochkochen und die Fans nur beschwichtigen oder meint er das ernst? Hier können Sie sich einen Ausschnitt aus der Konferenz ansehen und sich selbst ein Bild machen:

Meine Analyse der Mimik und Körpersprache von Jürgen Klopp hat folgendes ergeben:

Um herauszufinden, ob Klopp seine Aussage ernst gemeint hat oder nicht, ist die erste Frage, ob er nonverbale Signale von aggressiven Emotionszeichen während seines Statements zu Götze zeigt. Da er sagt, dass er sich selbst die Schuld gibt, dürfte dies maximal in Bezug auf sich selbst  sein. Zu den aggressiven Emotionszeichen zählen Ärger, Ekel und Verachtung. Weil diese drei Basisemotionen häufig zusammen auftreten, hat der amerikanische Psychologe Carroll Izard sie als Feindseligkeitstriade bezeichnet. Jede einzelne von ihnen gibt dem Gefühl der Feindseligkeit eine etwas andere Nuance. Beginnen wir mit Ekel und Verachtung. Im kompletten Ausschnitt sind keine nonverbalen Signale von Ekel und Verachtung zu erkennen. Aber was ist mit Ärger? Direkt am Anfang des Gesprächs gibt es eine Abfolge von mimischen Ausdrücken, die wir uns genauer ansehen müssen, um diese Frage zu beantworten.

Anpressen der Mundwinkel in Sekunde 6 - zwar ein Zeichen dafür, dass Klopp die Situation nicht gefällt, aber noch kein zuverlässiges Zeichen für Ärger:


Jürgen Klopp - Anpressen der Mundwinkel

Direkt gefolgt von einer Beruhigungsgeste (hier: Lippen lecken) - ein Anzeichen dafür, dass der Stresspegel steigt:


Jürgen Klopp - Lippen lecken

Im Anschluss folgt dann ein schnelles und hörbares Einatmen kombiniert mit einem Kiefervorstoß in Sekunde 7 - zwar kein zuverlässiges Zeichen für Ärger, aber doch in dieser Kombination ein deutlicher Hinweis darauf:


Jürgen Klopp - Kiefervorstoß

Vor allem weil der Kiefervorstoß ein typisches Signal bei Klopp ist, wenn er verärgert ist. Hier sehen Sie es in einer anderen Szene, wo er seinen Ärger offen zeigt:

Jürgen Klopp wütend

In Sekunde 8 blickt er auf und sagt folgendes, während der dabei die Augenbrauen zusammenzieht (ebenfalls ein möglicher Hinweis auf Ärger): "Normalerweise ist heute kein... kein Zeitpunkt generell um..um..um.. so viel über dieses Thema zu sprechen, weil das Spiel viel zu wichtig ist, das wir vor der Brust haben..." Die Wortwiederholungen sind ebenfalls - genau wie Beruhigungsgesten - ein Hinweis auf Stress.


Jürgen Klopp - Augenbrauen zusammen ziehen

Beachtet man den Inhalt der Aussage, richtet sich der Ärger hier wohl auf den Zeitpunkt, zu dem die Transfernachricht offiziell geworden ist. Absolut nachvollziehbar, da die Konzentration der Spieler auf das heutige Halbfinal-Spiel in der Champions-League durch diesen Vorfall gefährdet ist.

Ab Sekunde 45 steigt dann der Stresspegel noch einmal deutlich an. Erkennbar an mehreren Signalen: eine weitere deutliche Zunahme an Beruhigungsgesten, wie Streichen der Handinnenflächen über die Beine und Lippen lecken; Stottern, verlängerte Sprechpausen und Zunahme an Füllwörtern ("Ähm"); deutlich erhöhte Atemfrequenz. Und dann folgt die zentrale Aussage Klopps: "Er ist der Wunschspieler von Pep Guardiola. Das heißt, wenn überhaupt jemand an der ganzen Geschichte schuld ist, dass er darüber nachdenkt da hinzugehen, dann bin ich das. Aber ich kann mich ja nicht 15 cm kleiner machen..."

Bevor er diesen Satz sagt, zeigt er in Minute 1:19 den folgenden mimischen Ausdruck:

Jürgen Klopp

Wir sehen hier wieder das Anpressen der Mundwinkel, das bereits am Anfang aufgetreten ist. Hier wird es allerdings von einem weiteren entscheidenden Signal begleitet: einem subtilen Anheben der Augenbrauen-Innenseiten. Dies ist ein absolut zuverlässiges Zeichen für Trauer. Im Standbild ist es nahezu nicht zu erkennen. Schauen Sie sich dafür am besten noch einmal das Video an, um diese Bewegung zu erfassen. Gleichzeitig wird die Stimme zu Beginn seiner Aussage tiefer und weicher. Beides ebenfalls Zeichen für Trauer. Der Verlust von Götze schmerzt ihn sichtbar und hörbar. Aggressive Emotionszeichen sind hier nicht sichtbar. Er scheint seine Aussage also wirklich ernst zu meinen. Sicherlich mit einem Schuss Selbstironie.

Direkt danach huscht noch eine andere Expression über sein Gesicht: die von echt erlebter Freude. Kurz bevor er sagt, dass Götze der Wunschspieler von Pep Guardiola ist, schaut er nach unten und die Augen scheinen zu lachen. Dies liegt an der subtilen Kontraktion des äußeren Augenringmuskels, die das zuverlässige Zeichen für echt erlebte Freude ist. Hier könnte es sich um die Emotion Stolz handeln, die der Emotionsfamilie Freude zugerechnet werden kann. Möglicherweise Stolz darüber, dass "sein Spieler" Wunschspieler des Trainers Guardiola ist. Und nach dessen Aussage Qualitäten hat wie der viermalige Weltfußballer Messi. Eine andere mögliche Interpretation könnte sein, dass er sich für Mario Götze freut.

Fazit: Klopp zeigt in seiner Stellungnahme Ärger in Bezug auf den Zeitpunkt, zu dem die Nachricht offiziell wurde, Trauer über den Verlust von Götze und gleichzeitig auch ein bisschen Stolz bzw. "Mitfreude". Eine menschliche und gleichzeitig absolut professionelle Reaktion eines großartigen Trainers.

Den leidenschaftlichen BVB-Fans schmerzt der Verlust sicherlich ebenso wie Klopp. Ich war in den 90er Jahren selbst begeisterter Fan der Borussia und mein Herz schlägt noch heute schwarz-gelb. Ich drücke den Borussen heute Abend die Daumen, dass sie trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen ein gutes Spiel machen und den Grundstein dafür legen, um ins Finale einzuziehen. Und ich hoffe, dass die Fans im Stadion genug Weitsicht haben, um mit einer guten Stimmung die Mannschaft zum Sieg zu tragen.