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Faszination Mimik: Was sind Mikroexpressionen und wann treten sie auf?


Mikroexpressionen (auch micro expressions genannt) sind sehr kurze, unwillentliche und emotional ausgelöste Gesichtsausdrücke, die sich nur für Sekunden-Bruchteile zeigen (40 bis 500 Millisekunden). Es handelt sich dabei um Voll-Expressionen, das heißt, die Emotion zeigt sich in ihrem vollen prototypischen Erscheinungsbild im Gesicht. Mikroexpressionen treten in emotional hochaufgeladenen Situationen auf und sind nach aktuellem Stand der Forschung typischerweise Signale von Gefühlen, die derjenige eigentlich verheimlichen möchte oder die der Person (noch) nicht bewusst sind. Sie wurden in den 1960er Jahren sowohl von den amerikanischen Psychologen Haggard und Isaacs als auch von Paul Ekman und Wallace Friesen unabhängig voneinander entdeckt, während sie sich aufgezeichnete Psychotherapie-Sitzungen in Zeitlupengeschwindigkeit ansahen.

Mikroexpressionen treten unwillentlich auf, denn sie werden direkt vom Emotionszentrum (limbisches System) ausgelöst. Da unser limbisches System Außenreize ca. 500 Millisekunden schneller verarbeitet als unser Großhirn, entziehen sich Mikroexpressionen unserer bewussten Kontrolle. Da sie gleichzeitig – unter anderem aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit – sehr schwer nachzuahmen sind, sind sie ein extrem zuverlässiges emotionales Signalsystem.

Weil sie nur sehr kurz auftreten, braucht es Training, um sie zu erkennen und richtig zu interpretieren. Dafür habe ich eine spezielle Online-Trainingsplattform entwickelt: www.mimikresonanz24.com. Auch in den Mimikresonanz-Trainings wird das Erkennen von Mikroexpressionen praktisch anhand von Videomaterial trainiert.

In welchen Situationen treten Mikroexpressionen auf?

Mikroexpressionen treten insbesondere in Situationen auf, in denen eine Person gefühlsmäßig stark involviert ist. Denn in solchen Situationen ist das Auftreten von starken Emotionen sehr wahrscheinlich. Und je stärker die Gefühle, desto wahrscheinlicher wird es, dass Mikroexpressionen auftreten. Es gibt zwei Aspekte, die dazu führen, dass eine Person gefühlsmäßig stark involviert ist.

Der erste Aspekt ist die Themenrelevanz: Je wichtiger ein Thema für jemanden ist, desto stärker sind die damit verbundenen Gefühle. Welches Thema das ist, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Das kann die Familie sein, der Beruf oder das Hobby. Es kann sich auch um persönliche Ziele oder bestimmte Probleme handeln. Wenn ein solches Thema zur Sprache kommt, werden Sie bemerken, dass die Gefühle bei der Person stärker werden und die Mimik aktiver wird. Zum Beispiel wird in einem Coaching oder in einer Psychotherapie, in der es um wichtige Ziele oder Probleme des Klienten bzw. Patienten geht, derjenige notwendigerweise gefühlsmäßig involviert sein. In solchen Situationen ist das Auf¬treten von Mikroexpressionen sehr wahrscheinlich. Insbesondere wenn es um Themen geht, wo innere Konflikte wüten.

Der zweite Aspekt ist die Gewinn-/Verlusterwartung: Je höher die subjektive Gewinn- und/oder Verlusterwartung in einer Situation ist, desto stärker sind die aktivierten Gefühle. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass die Gewinn-/Verlusterwartung absolut subjektiv ist. Ausschlaggebend ist hier also das, was jemand über die Situation glaubt, nicht was tatsächlich zu erwarten ist. Ob jemand das Gefühl hat, etwas zu gewinnen oder zu verlieren, hängt mit der Größe der Auswirkungen zusammen, die derjenige durch den Verlauf und den Ausgang des Gespräches erwartet. Dabei kann es sich zum Beispiel um Auswirkungen auf die finanzielle Ebene, die Beziehungs¬ebene zu der Person, mit der das Gespräch stattfindet oder auf die persönliche Zukunft allgemein handeln. Am Beispiel eines Beratungsgespräches lässt sich das leicht veranschaulichen. Stellen Sie sich folgende Situation vor: ein Kunde lässt sich zu seiner Altersversorgung beraten und er möchte entscheiden, wie er sein Geld am besten investiert, um seine Lebensqualität im Rentenalter zu erhalten. Da er mit dieser Entscheidung in den meisten Fällen eine längere Vertragsbindung – damit also eine finanzielle Verpflichtung – eingeht und sich darauf verlassen muss, dass dieser Weg dann auch zum Ziel führt (Auswirkung auf die persönliche Zukunft), sind hier mit hoher Wahrscheinlichkeit starke Gefühle beteiligt. In allen Beratungsgesprächen, in denen es darum geht, dass der Kunde sich mit seiner Entscheidung längere Zeit bindet (zum Beispiel durch einen Vertrag) oder eine für ihn hohe Investition tätigt (zum Beispiel beim Autokauf), spielen Gefühle eine wichtige Rolle. Ein weiteres Beispiel: findet ein Gespräch zwischen zwei oder mehr Menschen statt, die sich nahe stehen bzw. deren intakte Beziehung eine unverzichtbare Basis für die weitere Zukunft darstellt und kann der Verlauf des Gesprächs eine Auswirkung auf diese Beziehung haben, treten in einem solchen Gespräch meist auch starke Gefühle auf. Je größer die mögliche Auswirkung durch den Gesprächsverlauf ist (zum Bei¬spiel ein drohender Verlust an Vertrauen), desto stärker sind die dabei auftretenden Gefühle. Die Art der Be¬ziehung spielt dabei keine Rolle. Es kann sich um eine Arbeitsbeziehung handeln, zum Beispiel zwischen Führungskraft und Mitarbeiter, oder auch um eine Liebesbeziehung oder eine familiäre Beziehung beispielsweise zwischen Vater und Tochter.

Mikroexpressionen und Meditation

Es gibt in der Forschung Hinweise darauf, dass Menschen, die regelmäßig meditieren, Mikroexpressionen besser erkennen. Und das auch, wenn sie nie ein spezielles Training zur Mikroexpressionserkennung absolviert haben. Woran genau das liegt, hat die Wissenschaft noch nicht herausgefunden. Eine Vermutung ist, dass Meditationsgeübte einen reduzierten attentional blink haben.

Mikroexpressionen in der Praxis

Im Blog-Archiv finden Sie über 50 Beispiele für Mikroexpressionen aus der Praxis.