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Sammer vs. Löw - ein mimisches Duell der Emotionen (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Matthias Sammer, Sportvorstand des FC Bayern München, bläst zum Angriff. Auf einer Pressekonferenz in dieser Woche betitelte er die Position des DFB-Sportdirektors als eine Stelle für einen "guten Idioten". Sammer war selbst sechs Jahre lang Sportdirektor beim DFB. In dieser Zeit gab es immer wieder öffentliche Kompetenz-Streitigkeiten zwischen ihm und Bundestrainer Joachim Löw. Auf einer anderen Pressekonferenz wird Löw am vergangenen Dienstag mit der ihm bis dahin unbekannten Aussage Sammers konfrontiert. Sind die Emotionen mittlerweile besänftigt oder brodeln die Konflikte der Vergangenheit noch unter der Oberfläche? Die Analyse der nonverbalen Signale spricht eine stille, aber in diesem Fall eine für das wache Auge deutliche Sprache. Aber verschaffen Sie sich vorerst selbst einen Eindruck.

In diesem Video sehen Sie Sammers "Angriff" und Löws Reaktion. Welche nonverbalen Signale erkennen Sie? Welche Emotionen erkennen sie bei den beiden?

Was die Mimik von Matthias Sammer verrät!

In Sekunde 25 des Videos beginnt Sammers Aussage: "Für die Nachhaltigkeit des Fußballs ist das eine wichtige Position, die auch in Zukunft viel höher angesiedelt sein muss, weil, ich sage es Ihnen auch in aller Deutlichkeit, einen gute Idioten werden sie sonst nicht mehr finden."

Seine Stimme wird im Laufe dieses Satzes deutlich lauter und in Sekunde 32 zeigt er den unten abgebildeten Gesichtsausdruck: die Augenbrauen sind zusammengezogen (erkennbar an der senkrechten Falte zwischen den Augenbrauen) und die oberen Augenlider sind hochgezogen - zusammen ein sehr zuverlässiges Zeichen für die Emotion Ärger. Insbesondere wenn zusätzlich noch die Stimme berücksichtigt wird. Denn eine Zunahme der Lautstärke ist ebenfalls ein Hinweis auf Ärger.

Matthias Sammer

In Sekunde 33 folgt dann eine subtilere Expression, die sehr leicht übersehen werden kann. Sammer presst den linken Mundwinkel ein: ein Hinweis auf ein Gefühl von Überlegenheit und ein Ausdruck, welcher der Basisemotion Verachtung zuzuordnen ist.

Matthias Sammer

Die allgemein hohe emotionale Ladung Sammers bei diesem Thema wird auch durch die sichtbare Zunahme seiner Blinzelrate deutlich. Schnelleres Blinzeln kann als ein Hinweis auf einen ansteigenden Stresspegel gewertet werden.

Sammer zeigt während seiner Aussage also zwei Gefühle: Ärger und Verachtung. Diese beiden Emotionen sind zwei der drei Emotionen der sog. Feindseligkeitstriade (nach Carroll Izard). Ekel wäre die dritte Emotion in diesem Dreiergespann. Von einer Aussöhnung des damaligen Konflikts kann also bei Betrachtung der nonverbalen Signale Sammers auf seiner Seite nicht ausgegangen werden.

Wenden wir uns nun der nonverbalen Reaktion Joachim Löws zu.

Was die Mimik von Joachim Löw verrät!

Nachdem Löw nachgefragt hat, was Sammer gesagt hatte, kratzt er sich mit dem linken Zeigefinger am Mund. Dies ist eine typische Beruhigungsgeste und ebenso wie schnelleres Blinzeln ein Hinweis darauf, dass der Stresspegel angestiegen ist. Danach folgt der entscheidende Ausdruck in der Mimik. In Sekunde 41 zieht er die Oberlippe hoch und die Nase wird leicht gekräuselt - erkennbar daran, dass sich die Nasolabial-Falten vertiefen. Deren Verlauf beginnt neben den Nasenflügeln und geht hinunter zum Mund. Dies ist ein Zeichen für die Emotion Ekel (dem dritten Mitspieler in der bereits erwähnten Feindseligkeitstriade) und zeigt hier deutlich wie Löw Sammers Aussage aufnimmt - mit Ablehnung. Den mimischen Ausdruck sehen Sie in folgendem Bild.

Joachim Löw

Direkt folgend auf diesen Ausdruck lächelt Löw, blickt nach unten und richtet ein paar Blätter auf seinem Tisch aus. Das Lächeln zeigt hier keine Beteiligung des äußeren Augenringmuskels und ist somit kein Ausdruck echt erlebter Freude, sondern lediglich als ein soziales Lächeln zu werten. Beim Sortieren der Blätter könnte es sich um eine Objekt-Beruhigungsgeste handeln. Hierbei wird nicht wie typischerweise der eigene Körper berührt, wie zum Beispiel das Gesicht, sondern ein Gegenstand. Alles in allem sind diese drei Signale durch ihr gemeinsames Auftreten ein Hinweis auf die Emotion Verlegenheit. Er scheint sich unsicher zu sein, wie er mit dieser Situation umgehen soll.

Danach macht Löw einen Witz, um die Situation aufzulockern: "Dann kann ja er wieder zurückkommen." Dies gelingt ihm. Die Journalisten lachen. Doch er zeigt auch hier keine echt erlebte Freude. Die Krähenfüßchen in den Augenwinkeln - sonst ein typisches Zeichen für echt erlebte Freude - sind in diesem Ausdruck lediglich ausgelöst durch die starke Kontraktion des großen Jochbeinmuskels. Ein weiteres Indiz für ein soziales Lächeln ist der abrupte Abbruch des Ausdrucks. Anschließend folgt wiederum der Blick nach unten.

In Sekunde 55 huscht eine kurze Mikroexpression über Joachim Löws oberes Gesicht: ein kurzes Hochziehen des Augenbrauen-Innenseiten. Schauen Sie sich diese Bewegung im Video an, denn auf dem Standbild ist sie nur schwer zu erkennen. Lassen Sie sich dabei nicht durch das Lächeln ablenken.

Joachim Löw

Das Hochziehen der Augenbrauen-Innenseiten ist in den meisten Fällen ein zuverlässiges Zeichen für Trauer. Um diese Bewegung zu deuten, ist es wichtig zunächst auch hier einmal etwas genauer auf das Lächeln zu schauen. Das Lachen der Journalisten scheint ihn mittlerweile angesteckt zu haben. Denn seine Augendeckfalte (das ist die Hautfalte zwischen Augenbraue und oberem Augenlid) senkt sich leicht ab - ein Zeichen für die Beteiligung des äußeren Augenringmuskels und damit für echt erlebte Freude. Es handelt sich bei diesem Ausdruck also um eine Mischemotion von Freude und Trauer. Wobei in diesem Fall die Trauer die Freude kommentiert: "Der Witz war wohl etwas heftig!" könnte die Trauer in etwa sagen.