% Wahrnehmung

Haben Sie Fragen? Telefon: 030 235 99 38 0 oder E-Mail: info@dirkeilert.com

In 97 Tagen wird gewählt: Glaubt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück an seinen Erfolg? (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Am letzten Donnerstag war der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Gesprächspartner in der ZDF-Talkrunde bei Maybrit Illner. Thema: Noch 100 Tage bis zur Wahl: Wie wollen Sie Kanzler werden, Herr Steinbrück? Ich habe das rund eine Stunde dauernde Gespräch zwischen Steinbrück und Illner in Bezug auf die nonverbalen Signale des Kanzlerkandidaten analysiert. Eine Frage hatte ich bei meiner Analyse im Fokus: Glaubt Steinbrück an seinen Erfolg? Allgemein ist zu sagen, dass Steinbrück nur sehr wenige mimische Bewegungen offenbart und sich auch körpersprachlich eher kontrolliert zeigt. Dies lässt Rückschlüsse auf seine Persönlichkeits- und Motivstruktur zu. Doch dazu in einem späteren Blogbeitrag mehr. Auch in meinem Buch über Mimikresonanz, das im Oktober erscheint, finden Sie zum Zusammenhang von Mimik und Persönlichkeit einen Abschnitt. Trotz Steinbrücks reduzierten nonverbalen Signalen waren aber einige aufschlussreiche Hinweise zu erkennen. Wenn Sie die Sendung nicht gesehen haben, können Sie sich diese komplett in der ZDF-Mediathek anschauen. Wie immer vorweg die wichtige Bemerkung: Mimik und Körpersprache kann uns nur Hinweise auf den emotionalen Zustand einer Person geben, niemals handelt es sich um Beweise oder Wahrheiten. Die folgende Analyse beruht auf meiner Einschätzung der Situation, die auf meinen Beobachtungen und den neuesten wissenschaftlichen Forschungen im Bereich der nonverbalen Kommunikation basiert. Aufschlussreich ist schon der Gesichtsausdruck, mit dem Peer Steinbrück Illners Begrüßung erwidert:

Steinbrück_Begrueßung

Die Lippen sind gepresst und die Mundwinkel nach innen gedrückt. Eine Mimik, die Anspannung vermittelt und einen ersten Hinweis darauf gibt, dass Steinbrück "unter Strom" steht. Auch wenn ein leichtes Lächeln erkennbar ist, handelt es sich dabei nicht um echt erlebte Freude. Dafür fehlt die Aktivität des äußeren Augenringmuskels. Nach der Begrüßung eröffnet Maybrit Illner das Gespräch mit der Frage an Peer Steinbrück, ob er glaubt, dass der ausbleibende Erfolg hauptsächlich ein Kommunikationsproblem ist, da er in dieser Woche seinen Sprecher entlassen und einen neuen ernannt hat. Als der Kanzlerkandidat in Minute 2:12 dann sagt "...Habe ich den Eindruck, wir sollten etwas häufiger über die Pannen dieser Regierung reden..." (statt über seine) huscht eine subtile Mikroexpression von Ärger über sein Gesicht: die Augenbrauen zucken zusammen während sich gleichzeitig die unteren Augenlider anspannen. Dieser Ausdruck kann zwar auch bedeuten, dass er konzentriert oder irritiert ist, wahrscheinlicher ist aber, dass es sich dabei um kontrollierten oder leichten Ärger handelt. Vor allem, weil nach dieser Expression die Blinzelrate bei Steinbrück zunimmt: ein Hinweis auf einen Anstieg des Stresspegels. Da uns die Mimik nie etwas darüber verrät, warum ein bestimmtes Gefühl auftritt, können wir hier über die Gründe nur spekulieren. Maybrit Illner greift den versteckten Ärger geschickt auf und stellt eine Vermutung an: "Im Grunde genommen legt Ihnen diese Regierung ständig einen auf den Elfmeterpunkt. Warum können Sie den nicht verwandeln?" Steinbrück verweist darauf, dass der Wahlkampf erst noch so richtig beginnen wird und dass die SPD dann das tun muss, was Johannes Rau einmal Mundwerk und Laufwerk genannt hat. Diese Aussage schließt er mit einem unter Lippenpressen verstecktem Einpressen des rechten Mundwinkels und erneut schnellem Augenblinzeln. Dieser mimische Ausdruck in Kombination mit dem Augenblinzeln deutet auf ein Gefühl von Skepsis und allgemeinen Stress hin, dass dies wirklich gelingen wird. Auch nach dem anschließenden Einblenden von Umfrageergebnissen zu Steinbrück vs. Merkel, ist erneut schnelles Augenblinzeln bei Steinbrück sichtbar. Anschließend ergibt sich folgender Dialog mit einer aufschlussreichen Veränderung in Steinbrücks Wortwahl: Maybrit Illner fragt: "Könnte es trotzdem sein, dass Ihnen das ein bisschen weh tut, dass es Sie wenigstens irritiert, wenn ein Abstand zwischen Ihnen und der Bundeskanzlerin in der persönlichen Sympathie und in der persönlichen Glaubwürdigkeit so groß ist, 30 %?" Peer Steinbrück antwortet darauf: "Nein, ich kann mich nicht täglich mit den Umfragen beschäftigen, sondern ich muss nach vorne gucken. Es hat Umfragen um und mit meiner Person gegeben, die auch schon mal anders ausgesehen haben. Daran muss man anknüpfen. Dafür habe ich noch 3 Monate Zeit. Da wird man sich anstrengen müssen. Das geben können, was man kann. Und das darzustellen, wohin man hin will. Und das werde ich tun mit all dem, was ich beitragen kann für einen erfolgreichen Bundestagswahlkampf." In seiner Antwort wechselt er die Personalpronomen von "ich/wir" zu "man". Dies ist ein Hinweis auf eine gewisse emotionale Distanzierung. Wen genau meint er mit "man"? Sich selbst, andere SPD-Mitglieder oder gar Parteichef Sigmar Gabriel? Wo sieht Steinbrück den oder die Schuldigen für die schlechten Umfrageergebnisse? Dass bei diesem Thema der Stresspegel bei ihm steigt, zeigt sich wiederum in einer Zunahme der Blinzelrate am Schluss der Aussage. Es würde zur gestrigen Meldung des Tagesspiegels passen (Peer Steinbrück attackiert Sigmar Gabriel), dass er mit "man" nicht sich meint, sondern vielleicht Sigmar Gabriel. In Minute 5 zitiert Illner Helmut Schmidt. Dieser hat über Steinbrück gesagt: "Der kann es!" In Minute 5:50 sagt der Kanzlerkandidat daraufhin: "Dann ist das je eher eine... eine sehr ehrenhafte Bewertung." Während dieser Aussage zeigt er ein einseitiges Schulterzucken. Dabei könnte es sich um eine gestische Entgleisung in Form eines Emblems handeln. Embleme sind körpersprachliche Ausdrücke, für die es eine direkte Übersetzung gibt, zum Beispiel Kopfschütteln, -nicken oder Schulterzucken. Treten Sie unbewusst und im Widerspruch zum inhaltlich Gesagten auf, dann zeigen sie sich häufig nur sehr leicht oder als Teilausdruck, wie in diesem Beispiel in Form des einseitigen Schulterzuckens. Dies kann hier bedeuten, dass Steinbrück momentan nicht wirklich von der Aussage "Der kann es!" überzeugt ist. Was zusätzlich für diese Bedeutung sprechen würde, ist der gleichzeitig ansteigende Stresspegel - erkennbar an der Wortwiederholung "...eine...eine". Ein erstes Fazit: Peer Steinbrück zeigt Stress in Bezug auf seine eigene Person Insgesamt lässt somit sich sagen, dass im ersten Teil des Gesprächs, in dem es um Steinbrück als Person geht, vermehrt Hinweise auf einen erhöhten Stresspegel bei ihm auftreten. Was der Grund dafür ist, lässt sich schwer sagen. Wenn Steinbrück über inhaltliche Themen spricht, dann verschwinden die Stresssignale fast gänzlich, so zum Beispiel als es im Gespräch mit Illner um die Agenda 2010 geht. In dem Gespräch gab es noch drei weitere - aus nonverbaler Sicht - spannende Szenen. Diese schauen wir uns im Folgenden an. Peer Steinbrück und Klaus Wiesehügel Als Maybrit Illner in Minute 10 des Gesprächs auf die Berufung von Klaus Wiesehügel in Steinbrücks Kompetenzteam zu sprechen kommt, gibt es eine spannende nonverbale Reaktion beim Kanzlerkandidaten. Das obere Bild zeigt Steinbrück kurz bevor Illner das Thema Wiesehügel anspricht. Das untere Bild zeigt ihn kurz danach.

Steinbrück_Vergleich

Was hier auffällt: Steinbrück errötet. Dies kann unterschiedliche Gründe haben. Wir erröten sowohl bei Emotionen wie Verlegenheit und Scham, als auch bei Angst und Ärger. Welche Emotion könnte es hier sein? Bevor wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns kurz einen Exkurs zu den neuronalen Ursachen des Errötens machen. Für das Erröten verantwortlich ist der Sympathikus. Dieser bildet zusammen mit dem Parasympathikus unser vegetatives Nervensystem (auch autonomes Nervensystem genannt). Sinnbildlich gesprochen ist der Sympathikus das Gaspedal und der Parasympathikus die Bremse in unserem Nervensystem. So beschleunigt zum Beispiel der Sympathikus den Herzschlag während der Parasympathikus ihn bremst. Eine Aktivität des Sympathikus versetzt uns also in eine erhöhte Handlungsbereitschaft ("fight or flight"). Der Sympathikus steuert auch den Durchmesser der Kapillaren - der dünnen Blutgefäße. Diese Regulierung läuft unbewusst ab, lässt sich also bewusst nicht beeinflussen. Beim Erröten handelt es sich somit um ein sehr zuverlässiges Signal, das auf eine erhöhte emotionale Ladung hinweist. Da es in der Mimik keine Hinweise auf Angst oder Ärger gibt, Steinbrück aber lächelt (ohne dass der äußere Augenringmuskel aktiv ist), ist die Emotion Verlegenheit hier am Wahrscheinlichsten. Denn das Lächeln bei gleichzeitigem Blick nach seitlich unten (beides zeigt sich bei Steinbrück) ist Bestandteil des Verlegenheits-Ausdrucks. Das Thema Wiesehügel hat also eine deutliche emotionale Ladung bei Steinbrück. Dies ist auch erkennbar an seinem Stottern in dieser Situation: "Wie...wie...wie...wieso nicht Frau Illner?" Peer Steinbrück, die Besteuerung des Betriebsvermögens und eine Mikroexpression Ein Wahlkampfthema, das eine definitive hohe emotionale Ladung bei Steinbrück hat, scheint das Thema Steuern im Zusammenhang mit Betriebsvermögen zu sein. Bei Minute 28:45 während Peer Steinbrück sagt "Die betrieblichen Vermögen, die enorm gewachsen sind in den vergangenen Jahren, dürfen auch stärker zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben beitragen.“ huscht eine subtile Mikroexpression über sein Gesicht: er zieht die oberen Augenlider hoch und spannt gleichzeitig die unteren Augenlider an. Hierbei handelt es sich um ein zuverlässiges Zeichen für die Emotion Angst. Was hier der Grund der Angst ist, verrät uns die Mimik leider nicht. Darüber lässt sich nur spekulieren. Koalition mit den Grünen? Kann sich Steinbrück momentan eine Koalition mit den Grünen vorstellen? Um diese Frage zu beantworten, beachten Sie seine Körpersprache in Minute 39:32, während er sagt "Insofern sehe ich ganz gute Voraussetzungen mit den Grünen eine Regierung zu bilden." Wenn Sie genau sehen, schüttelt er während dieser Aussage sehr leicht und fast unmerklich den Kopf. Auch bei diesem Kopfschütteln handelt es sich wie beim oben erwähnten einseitigen Schulterzucken um ein Emblem. Aus dem Kopfschütteln könnten wir schließen, dass Steinbrück zumindest momentan ein rot-grünes Bündnis für schwierig hält. (zu diesem Beitrag ist ein erweiternder Artikel bei der "Welt" erschienen)