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Wie wir uns darstellen - die vier Grundtypen der Persönlichkeit und ihr Einfluss auf die Mimik


(Dieser Artikel ist am 28. Juni 2013 in der Fachzeitschrift Kommunikation & Seminar (Ausgabe 03/2013) erschienen. Sie können ihn hier als pdf downloaden.)

Das Wissen über die verschiedenen Grundausprägungen der Persönlichkeit und eine richtige Einschätzung des Gegenübers kann uns helfen, schneller eine gute Atmosphäre zu schaffen und im Gespräch zielgerichtet vorzugehen. Dem Coach erleichtert es zum Beispiel den Blick für blinde Flecken und mögliche Themen des Klienten, der Vertriebsmitarbeiter erkennt im Kundengespräch Wünsche und Motive seines Gegenübers und kann das Produkt dementsprechend präsentieren. Und die Führungskraft unterstützt es dabei, typgerecht, also der Persönlichkeit entsprechend, zu führen und so das Potential der Mitarbeiter optimal zu fördern.

Ich beschäftige mich mittlerweile seit zwölf Jahren intensiv mit dem Thema Persönlichkeitspsychologie. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass sich viele Kollegen mit dem Bereich der Typologie beschäftigt haben und auch über Grundwissen dazu verfügen. Doch in der täglichen Praxis finden sie es meist schwierig, ihr Gegenüber wirklich treffend einzuschätzen. Die Mimik als Mittel des Emotionsausdrucks kann hierbei eine wertvolle Hilfe sein.

Lassen Sie uns mit einem kurzen Überblick über die verschiedenen Grundausprägungen der Persönlichkeit beginnen, bevor wir den Brückenschlag zur Mimik machen. Es gibt viele Persönlichkeitsmodelle am Markt. Bei den meisten Modellen läuft es im Wesentlichen auf vier Grundtypen hinaus. Wichtig ist mir an dieser Stelle zu sagen, dass Menschen natürlich weitaus komplexer und vielfältiger sind, als in irgendeinem Modell dargestellt werden kann. Der folgende Überblick soll daher lediglich Orientierung geben.

Vier Grundtypen der Persönlichkeit

Das nachfolgende Modell wird durch zwei Achsen organisiert, welche Meta-Programme abbilden. Meta-Programme sind Wahrnehmungsfilter und Handlungsprogramme, die sowohl die Motivation eines Menschen als auch seine Art der Informationsverarbeitung beeinflussen. Sie wurden vor allem von Anwendern des Neurolinguistische Programmierens entdeckt und beschrieben. Aus den beiden Achsen des Modells ergeben sich vier mögliche Felder, welche die Grundausprägungen der Persönlichkeit darstellen. Zu beachten ist, dass jeder Mensch über jedes der Meta-Programme verfügt, die ich gleich beschreiben werde. Die Frage ist, welches jeweils bei einer Person dominiert und damit Wahrnehmung, Motivation und Verhalten am stärksten beeinflusst. Dies kann sich von Kontext zu Kontext unterscheiden.

    1. Meta-Programm Aktivität (Motivationsfaktor)
      Beim Meta-Programm Aktivität geht es darum, ob jemand eher die Initiative ergreift, also proaktiv agiert, oder ob er darauf wartet, dass andere dies tun, in diesem Falle also reaktiv ist, eher beobachtet, reflektiert. Je größer die Proaktivität, desto weniger denkt der Betreffende bewusst nach, bevor er handelt. Menschen, bei denen das Meta-Programm Aktivität eher in Richtung proaktiv ausgeprägt ist, fühlen sich also stark durch Handeln motiviert. Sie wollen aktiv sein und etwas tun. Daraus ziehen sie ihre Energie. Je deutlicher die Reaktivität ausgeprägt ist, desto mehr steht Analysieren und Verstehen im Mittelpunkt. Diese Menschen nehmen sich die Zeit, um Dinge zu durchdenken und zu verstehen, bevor sie handeln, und fühlen sich dadurch motiviert.
    1. Meta-Programm Bezugskriterien (Informationsverarbeitung)
      Hier geht es darum, ob eine Person sich mehr auf Menschen, Beziehungen und Gefühle konzentriert oder auf Ideen, Werkzeuge und Aufgaben. Menschen mit einem eher personenbezogenen Programm achten insbesondere auf Gefühle – ihre eigenen und die anderer. Sie konzentrieren sich in einer Situation also auf Menschen und Emotionen. Ihnen fällt es leicht, in Kontakt mit ihrem Gegenüber zu kommen und Rapport aufzubauen.
      Eher objektbezogene Menschen konzentrieren sich auf Ideen, Werkzeuge und Aufgaben. Sie neigen manchmal dazu, Menschen wie Gegenstände zu behandeln. Sie wollen Dinge erledigen und sind stark aufgabenorientiert.


Mimikresonanz_Typologie

Aus dieser Aufteilung können direkte Schlüsse über Motive und Verhalten der vier verschiedenen Typen gezogen werden, vor allem zeichnen sich mögliche blinde Flecken und Entwicklungsfelder ab. Dies soll hier  nicht Thema sein. Wir wollen uns hier anschauen, wie die Wahrnehmung der Mimik uns dabei unterstützen kann, treffgenau einzuschätzen, welche dieser Grundausprägungen bei unserem Gegenüber dominant, also am stärksten ausgeprägt ist.

Viele Studien haben gezeigt, dass unsere mimische Muskulatur direkt mit den emotionsverarbeitenden Bereichen (limbisches System) in unserem Gehirn verknüpft ist. Das heißt, wenn wir eine Emotion spüren, zeigt diese sich meist auch in der Mimik, wenngleich manchmal nur fein und sehr schnell. In diesem Zusammenhang spricht man von Mikroexpressionen und subtilen Expressionen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Emotion eine gewisse Intensität erreicht.

Es liegt auf der Hand, dass unsere Persönlichkeit unseren Emotionsausdruck beeinflusst, das heißt die Art und die Häufigkeit, in der wir bestimmte Gefühle – bewusst oder unbewusst – zeigen. Aber welche Emotionen können wissenschaftlich zuverlässig im Gesicht eines Menschen „gelesen“ werden? Die Forschung hat bisher sieben sogenannte Basisemotionen identifiziert, die sehr verlässliche und kulturübergreifend gleiche Signale in der Mimik erzeugen: Angst, Überraschung, Ärger, Ekel, Verachtung, Trauer und Freude. "Kulturübergreifend gleich" bedeutet, dass überall auf der Welt, egal auf welchem Kontinent, diese Emotionen in der gleichen Weise in der Mimik ausgedrückt und erkannt werden.

Wie beeinflusst nun die Grundausprägung einer Persönlichkeit ihren Emotionsausdruck? Wir wissen heute zwar, dass die genannten sieben Basisemotionen kulturübergreifend gleich ausgedrückt werden, allerdings zeigt die Forschung auch, dass es Nuancen in deren mimischen Ausdruck gibt, die abhängig von sozialen und kulturellen Aspekten sind.

Darstellungsregeln

Die Standard-Studie zu kulturellen Einflüssen auf die Mimik wurde von den US-Psychologen Paul Ekman und seinem Kollegen Wallace Friesen 1972 durchgeführt. Sie zeigten Amerikanern und Japanern Filme mit negativem Inhalt – zum Beispiel über Unfälle – und beobachteten deren Gesichtsausdrücke. Es gab zwei Settings: bei dem einen befand sich die Person während des Films allein im Raum, bei dem anderen Setting war der Versuchsleiter anwesend. Bei den japanischen Probanden nahm der Ausdruck von aggressiven Emotionszeichen (siehe unten) in der Mimik ab, wenn der Versuchsleiter mit im Raum war. Sie versuchten also bestimmte Emotionen nicht über die Mimik zu zeigen. Dies war die Entdeckung der sozialen Darstellungsregeln – den sogenannten Facial Display Rules.

Nun beeinflusst nicht nur die Kultur, sondern eben auch unsere Persönlichkeit den Emotionsausdruck. Um diesen Zusammenhang besser verstehen und nachvollziehen zu können, sehen Sie in der folgenden Übersicht eine Zuordnung der sieben Basisemotionen zu verschiedenen Kategorien von Emotionszeichen:

    1. Aggressive Emotionszeichen: Ärger, Ekel, Verachtung
    1. Defensive Emotionszeichen: Angst, Trauer
    1. Kooperative Emotionszeichen: Soziales Lächeln, echt erlebte Freude

Auf Grundlage dieser Einteilung lassen sich die sieben Basisemotionen nun leicht den einzelnen Grundausprägungen der Persönlichkeit zuordnen. Wichtig ist: Es geht nicht darum, ob jemand eine Emotion erlebt, sondern es geht darum, wie häufig und offen diese Emotion ausgedrückt wird. Nicht alle unsere Emotionen werden uns dabei auch bewusst. Entscheidend ist, wie oft eine Person Signale zum Beispiel von Ärger über die Mimik mitteilt.

Nachfolgend eine Übersicht, welche Emotionen von welchen Grundtypen am häufigsten ausgedrückt werden:

Typologie und Emotionsausdruck

Die Darstellungsregel des Machers lautet: „Sei offensiv und zeige deine Überlegenheit.“ Folglich zeigt er gehäuft aggressive Emotionszeichen, wie Ärger und Verachtung. Und er setzt das „Pokerface“ ein, um Überlegenheit auszudrücken.

Beim Denker heißt die Darstellungsregel: „Sei kontrolliert und bewahre Abstand.“ Hieraus ergeben sich als logische Folge seine „Null-Mimik“, also ein eher starrer und unbeweglicher Gesichtsausdruck, sowie eine Mischung aus aggressiven (Aversion) und defensiven (Angst) Emotionszeichen.

Die Darstellungsregel des Bewahrers lässt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: „Sei freundlich und vermeide Konflikte.“ Ihre innere Regel führt dazu, dass Bewahrer im Kontakt mit anderen gehäuft ein soziales Lächeln (kooperatives Emotionszeichen) zeigen, sowie Angst und Trauer (defensive Emotionszeichen) ausdrücken.

Die Darstellungsregel des Entertainers lautet: „Sei heiter und aufmunternd.“ Bei ihm überwiegen die kooperativen Emotionszeichen von echt erlebter Freude und sozialem Lächeln. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Gespräch mit jemandem, dem Sie etwas präsentieren wollen, ein Produkt, eine Idee oder was auch immer. Typische mimische Reaktion des Machers könnte das „Pokerface“ sein: Er sitzt einfach da, hört Ihnen zu und verzieht fast keine Miene. Wer diese Darstellungsregel nicht kennt, den mag das sehr verunsichern. Sich diese Darstellungsregel bewusst zu machen bedeutet, das Pokerface weniger mit der eigenen Präsentationsleistung als vielmehr mit der Persönlichkeit des Gegenübers in Zusammenhang zu bringen. Und das kann unheimlich erleichtern. Doch auch dann, wenn man dies versteht, braucht es Selbstsicherheit, um damit gelassen umzugehen.

Der dem Macher im Schaubild diagonal gegenüberliegende Typ des Bewahrers wird hingegen viel nicken und lächeln, während er Ihnen zuhört. Dies fühlt sich zwar angenehmer an, bedeutet aber nicht, dass Ihr Gegenüber Ihnen mehr zustimmt als der Macher mit dem Pokerface. Der Denker wird ähnlich wie der Macher auch eher wenig Bewegung im Gesicht zeigen verbunden mit Signalen von Aversion (wie zum Beispiel Naserümpfen), um Sie dann auf Probleme anzusprechen, die er erkannt hat. Im Gesicht des Entertainers hingegen werden Sie echte Freude und auch soziales Lächeln beobachten.

Fazit

Achten Sie in Ihren Gesprächen künftig  auf die Mimik Ihres Gegenübers. Welche Darstellungsregel können Sie aus dem als Gesamtbild wahrgenommenen Emotionsausdruck formulieren (zum Beispiel „Sei heiter und aufmunternd“)? Welche Emotionen werden am häufigsten gezeigt? Dies wird Ihnen die Einschätzung des Gesprächspartners auf Grundlage der vier Persönlichkeitsausprägungen erheblich erleichtern und es Ihnen ermöglichen, empathischer zu kommunizieren und mit Ihrem Gegenüber in einen echten Kontakt zu kommen.