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47 Tage vor der Bundestagswahl: Der "alte" und "neue" Peer Steinbrück - Der SPD-Kanzlerkandidat bei Sandra Maischberger (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Gestern Abend war Peer Steinbrück zu Gast bei Sandra Maischberger (ARD). Ich habe mir die Sendung angesehen und für Sie analysiert. Die Sendung können Sie sich in der ARD-Mediathek ansehen. Spannend ist hier insbesondere ein Blick auf die Unterschiede im nonverbalen Ausdruck des SPD-Kanzlerkandidaten im Vergleich zu seinem Auftritt bei Maybrit Illner Mitte Juni.

Der "alte" und "neue" Peer Steinbrück: Er lacht wieder mehr und wirkt sicherer

Ein Unterschied, der sofort ins Auge fällt, ist, dass Peer Steinbrück wieder wesentlich öfter lacht und echt erlebte Freude in der Mimik zeigt. Er wirkt insgesamt lockerer und ein Teil des Drucks, der noch vor etwa 50 Tagen im Gespräch mit Maybrit Illner erkennbar war, scheint von ihm abgefallen zu sein. Allein in den ersten zwei Minuten ist zweimal echte Freude bei ihm zu sehen. Zum Vergleich: Im Illner-Interview war dieser Ausdruck nur ein einziges Mal in 60 Minuten erkennbar.

Steinbrück_Freude Echt erlebte Freude bei Peer Steinbrück

Gleichzeitig gibt es aber bei ihm an einigen Stellen immer noch Hinweise auf einen erhöhten Stresspegel - bei den aktuellen Umfragewerten verständlich. So zum Beispiel gleich zu Beginn als Sandra Maischberger ihn fragt, ob er noch an einen Wahlerfolg der SPD glaubt. Als er antwortet, dass es 10 Millionen Bürger gibt, die schon mal SPD gewählt haben und er möglichst viele davon  "aus dem Wartesaal" holen möchte, erhöht sich seine Blinzel- und auch die Atemfrequenz deutlich. Beides Signale auf einen Anstieg des Stresslevels. Als Sandra Maischberger eine Minute später sagt "Jetzt sind Sie 66, das heißt also, für die Rente mit 67 gibt es noch Hoffnung bei Ihnen." und damit erneut indirekt das Thema Wahlerfolg anspricht, antwortet Peer Steinbrück: "Nein, ich würde gerne hier weiter arbeiten bis 74." Anschließend zeigt er eine Beruhigungsgeste in Form von Lippen lecken. Auch dies ein Hinweis auf Stress beim Thema Wahlerfolg. Insgesamt also Hinweise darauf, dass er entgegen seiner wiederholten Aussage doch Zweifel am Wahlerfolg hegen dürfte.

Steinbrück_Lippen_lecken Lippen lecken - eine Beruhigungsgeste

Anschließend folgt ein Gesichtsausdruck, den Peer Steinbrück auch auf dem Parteikonvent am 16. Juni 2013 gezeigt hat, im Moment als seine Frau ihn zu Tränen rührte: Sein Mund ist geöffnet während er zuhört. Dies ist einerseits ein Hinweis auf eine gesteigerte Aufmerksamkeit, gleichzeitig erleichtert der geöffnete Mund eine bei Stress beschleunigte Atmung. Es gibt hier allerdings in Bezug auf die Stresssignale einen entscheidenden Unterschied zum Illner-Interview: Als er antwortet zeigt er erneut echt erlebte Freude in der Mimik, wenn auch in dieser Szene sehr subtil. Echt erlebte Freude ist ein Signal dafür, dass wir in Kontakt mit unseren Kraftquellen sind. Durch den Wechsel von Stresssignalen auf der einen Seite und echt erlebter Freude auf der anderen Seite wirkt Peer Steinbrück insgesamt sicherer und gestärkter als noch Mitte Juni bei Maybrit Illner. Es mögen leichte Zweifel da sein, aber auch der Kampfeswille ist gestärkt.

Spannend an dieser Stelle ist auch die veränderte und offenere Körperhaltung des Kanzlerkandidaten in den ersten 15 Minuten des Gesprächs. Die Beine sind nicht wie gewohnt übereinander geschlagen und die Hände sind zur "Merkel'schen Geste" geformt. Für Peer Steinbrück bisher eher untypisch.

Steinbrück_Körperhaltung Die "Merkel'sche Geste" bei Peer Steinbrück

Da sich Körpersprache leider nicht so präzise interpretieren lässt wie mimische Signale, möchte ich mir hier nur sehr vorsichtig eine Interpretation erlauben. Dies liegt auch daran, dass sich Körpersprache wesentlich leichter manipulieren lässt als ein authentischer Ausdruck von Emotionen in der Mimik. Ein Ausdruck von echt erlebter Freude kann zum Beispiel nur von den wenigsten Menschen gezielt vorgespielt werden. Kurz umrissen handelt es sich bei der im oberen Bild sichtbaren Handhaltung um eine Geste, die Zuversicht und Selbstsicherheit vermittelt. Diese Handposition ist weltberühmt geworden durch die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Interessant wäre zu erfahren, ob ihm geraten wurde eine offenere Körperhaltung einzunehmen oder ob dies spontan und unbewusst geschehen ist. Hier sehen Sie in einer Bildercollage noch einmal die "Merkel'sche Geste" - von Stern.de auch als "Raute der Macht" bezeichnet.

merkel_gro_

Zwei weitere Szenen aus dem Interview schauen wir uns zum Abschluss noch etwas genauer an.

Peer Steinbrück und das SPD-Nominierungsverfahren zum Kanzlerkandidaten

Die erste Szene fand gleich in der zweiten Minute des Interviews statt. Über das Nominierungsverfahren der SPD, das ihn zum Kanzlerkandidaten gemacht hat, sagt Peer Steinbrück, dass er dies nicht als geglückt oder strategisch empfinden würde. Dabei zeigt er zum Einen erneut die schon oben erwähnte Beruhigungsgeste in Form von Lippen lecken - ein Zeichen für Stress - und zum Anderen diesen kurzen Gesichtsausdruck: die inneren Seite der Augenbrauen sind angehoben.

Steinbrück_AU1 Das Anheben der Augenbrauen-Innenseiten - ein zuverlässiges Zeichen für die Basisemotion Trauer

Dabei handelt es sich um ein zuverlässiges Signal für die Basisemotion Trauer und unterstreicht hier auch auf nonverbaler Ebene, dass Peer Steinbrück es schade findet, wie der Nominierungsprozess gelaufen ist und er sich das Vorgehen wahrscheinlich anders gewünscht hätte.

Eine SPD-Koalition mit den Linken?

Die zweite Szene findet gegen Ende der Sendung statt. Sandra Maischberger stellt Peer Steinbrück die Frage, was so unmöglich daran wäre, dass die SPD mit den Linken koaliert. Er begründet dies hauptsächlich damit, dass Deutschland für seine Partner in der Außenwirkung dann nicht mehr das Attribut der Verlässlichkeit hätte. Als er dies sagt, zieht er die Oberlippe hoch - ein deutliches Zeichen für Ablehnung. Dies unterstreicht auf nonverbaler Ebene sehr deutlich, dass er nicht mit den Linken zusammenarbeiten würde. Da diese Expression während des Sprechens auftritt, ist sie zwar nicht zu Hundertprozent zuverlässig als Signal für Ablehnung zu interpretieren, allerdings tritt diese Bewegung auf, während er das Wort Verlässlichkeit ausspricht. Das Hochziehen der Oberlippe ist sehr untypisch dafür, um dieses Wort zu artikulieren.

Steinbrück_AU10 Hochziehen der Oberlippe - ein Zeichen für Ablehnung