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Von Träumen, Prism und der Doktorarbeit - Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Am vergangenen Sonntag war Angela Merkel zu Gast bei Bettina Schausten im ZDF-Sommerinterview. Insgesamt hat die Bundeskanzlerin einen sehr souveränen Eindruck hinterlassen. Kaum Anzeichen von Stress und mehrmals Signale echt erlebter Freude in dem rund 20minütigen Interview. Drei Szenen habe ich für eine nonverbale Analyse ausgewählt. Diese betrachten wir hier etwas genauer.

Die Träume der Bürger und die Überzeugung der Bundeskanzlerin

Am vergangenen Mittwoch läutete Angela Merkel mit Ihrer Wahlkampfrede in Seligenstadt die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs ein. Eines der Ziele sei: "Wir wollen helfen, Ihre Träume wahr zu machen und Ihnen keine Vorschriften machen." Als Bettina Schausten die Kanzlerin im Sommerinterview auf diese Aussage anspricht, antwortet sie, dass die CDU ein gutes Angebot habe, um dabei zu helfen, die Wünsche, Vorstellungen und Träume der Bürger erreichbar zu machen. Dabei zeigt sie echt erlebte Freude in der Mimik. Erkennbar daran, dass beim Lächeln nicht nur die Mundwinkel angehoben werden, sondern auch der äußere Augenringmuskel beteiligt ist. Hier ein Zeichen dafür, dass sie von ihrer Aussage überzeugt ist. Diesen Ausdruck zeigte sie mehrmals in dem Gespräch, inbesondere dann, wenn es um die Bundestagswahl geht. Auch wenn Angela Merkel sagt, dass es ein knappes Ergebnis werde, scheint sie also dennoch vom Wahlkampfsieg überzeugt zu sein. Im Gegensatz zu ihrem Kontrahenten Peer Steinbrück, dessen nonverbale Signale im Interview mit Sandra Maischberger am 6. August 2013 insgesamt eher darauf schließen ließen, dass er entgegen seiner wiederholten Aussage doch Zweifel am Wahlerfolg hegen dürfte.

Angela_Merkel_Collage_Freude Echt erlebte Freude in der Mimik von Angela Merkel - sie glaubt an den Wahlerfolg

Die NSA-Datenaffäre

In Minute 12 kommt Bettina Schausten auf die NSA-Datenspähprogramme wie Prism zu sprechen: "Nun gibt es an diesem Wochenende einen Streit in Ihrem Kabinett. Die Justizministerin sagt, da muss der Druck auf die USA hochgehalten werden, da gibt es noch manches aufzuklären. Ihr Innenminister Friedrich sagt, da ist eigentlich die Luft komplett raus. Wer hat Recht? Was sagen Sie?" Als Angela Merkel auf diese Frage antwortet, steigt der Stresspegel an. Dies ist zwar nur verdeckt, aber insbesondere an drei Signalen erkennbar: 

    1. Die Bundeskanzlerin blinzelt in dieser Sequenz vermehrt.
      Ein Mensch blinzelt normalerweise etwa 10 bis 15 Mal pro Minute, also alle 4 bis 6 Sekunden. Von Person zu Person ist dies allerdings sehr unterschiedlich. Deswegen ist es auch hier wichtig, sich zunächst einen Eindruck über das "normale Blinzelverhalten" einer Person in neutralen Situationen zu verschaffen. Bei Angela Merkel liegt die Blinzelfrequenz zur Zeit grundsätzlich recht hoch (bei ca. 40), so zum Beispiel zu Anfang des Gesprächs und auch im ARD-Sommerinterview vom 14. Juli 2013. Dies ist ein Hinweis auf einen allgemein erhöhten Stresspegel. Denn 1991 - als sie gerade Bundesministerin für Frauen und Jugend geworden war - lag die Blinzelfrequenz zum Beispiel bei durchschnittlich 12 pro Minute. Dies lag im normalen Durchschnittsbereich. Als Bettina Schausten nun auf Prism zu sprechen kommt, erhöht sich die Blinzelfrequenz von Angela Merkel noch mehr (von 40 auf 55 Lidschläge pro Minute).
    1. Angela Merkel verhaspelt sich ein paar Mal.
      Stottern und Versprecher sind ebenfalls Hinweise darauf, dass der Stress zunimmt.
    1. Sie greift auf eine ihrer typischen Gesten zurück - die "Merkel'sche Geste".
      Die für Angela Merkel typische Handhaltung kommt nur einmal in dem 20minütigen Gespräch vor und zwar genau an dieser Stelle. Diese Geste gehörte zu Beginn ihrer politischen Karriere nicht in ihr Repertoire und "tauchte dann irgendwann auf", so dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie sich diese Geste antrainiert hat, um die Hände zu kontrollieren und als eine Art Sicherheitsanker zu fungieren.


Merkelsche_Geste Die "Merkel'sche Geste" - ein Sicherheitsanker

Angela Merkel und ihre Doktorarbeit

Zum Abschluss des Interviews geht es in die Rubrik "Schlagzeilen von morgen". Bettina Schausten liest ein paar fiktive Schlagzeilen der Zukunft vor und die Bundeskanzlerin soll einschätzen, wie viel Wahrscheinlichkeit darin steckt. Eine der Schlagzeilen lautet:

Schlagzeile

Als sie mit dieser Schlagzeile konfrontiert wird, huscht für 100 ms folgender Gesichtsausdruck über Angela Merkels Gesicht: die Lippen sind nach außen gespannt und die Augenbrauen sind hochgezogen.

Angela_Merkel_AU20

Eine Mimik, die nicht untypisch für Angela Merkel ist. Dieser Ausdruck kann zwar ein Signal für Angst sein, dies ist hier aber unwahrscheinlich. Es bedeutet hier wahrscheinlich eher so viel wie: Ein unangenehmes Thema, dass sie aber zum Glück bereits hinter sich hat. Denn anschließend sagt die Kanzlerin, dass ihre Doktorarbeit bereits 2005 von einem renommierten Wissenschaftler überprüft worden sein - gefolgt von einem Ausdruck echt erlebte Freude, hier im Sinne von Zufriedenheit und Erleichterung.

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