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Die Bundeskanzlerin und der Professor - wie Mimik die Wählergunst beeinflusst... (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Gestern Abend saß Angela Merkel bei RTL an einem Tisch mit Wählern. Unter der Leitung von RTL-Chefredakteuer Peter Kloeppel wurde fleißig diskutiert. Die Sendung können Sie sich in den nächsten 7 Tagen kostenlos bei RTLnow ansehen. Ging es in der letzten Woche - als Peer Steinbrück am gleichen Tisch saß - noch etwas härter zur Sache, so war die Stimmung dieses Mal harmonischer. Dennoch gab es eine aus mimischer Sicht sehr spannende Szene. Am Ende der Sendung haben alle Gäste eine Vorher- und Nachher-Note für Angela Merkel vergeben. Die Vorher-Note bezog sich auf die Bewertung vor der Sendung und die Nachher-Note auf die Einschätzung nach der Sendung. Und bei nur einem Gast - Prof. Eckhard Freise - war die Nachher-Note schlechter als die Vorher-Note: Aus einer 4+ wurde eine 4-. Was war der Grund dafür?

Der Einfluss von Mimik auf die Wählergunst

Natürlich gibt es mehrere Faktoren, die unsere Bewertung eines Politikers beeinflussen. Ein direkter Kontakt ist in jedem Fall eine Chance ein bestehendes Urteil zu verändern. Denn hier wird der Politiker - den man sonst oft nur aus den Medien kennt - greifbar und als Mensch fassbar. Körpersprache und Mimik bestimmen dabei - in den Medien und im direkten Kontakt - wie andere uns wahrnehmen und einschätzen. Insbesondere die Mimik teilt unserer Umwelt mit, wie wir uns fühlen. Hier gilt allerdings der Grundsatz: Es ist nicht entscheidend wie wir uns wirklich fühlen, sondern was der Empfänger denkt, wie wir uns fühlen. Dies bestimmt dann, wie wir von anderen Menschen wahrgenommen werden.

Die Bundeskanzlerin und der Professor

In der Sendung gab es eine Szene, die die Verschlechterung der Note durch Prof. Freise besonders beeinflusst haben dürfte. Diese war direkt zu Beginn. Damit Sie sich selbst einen Eindruck verschaffen können, schauen Sie sich die Situation einfach kurz an (Minute 5:00 bis 6:00). Hierbei handelte es sich um die erste Interaktion in der Diskussionsrunde zwischen der Bundeskanzlerin und dem Professor.

Jeder Gast sagt zu Beginn, was er mit Frau Merkel gerne unternehmen würde. Professor Freise sagt in dieser Szene, dass er Frau Merkel mit in ein Schachcafé nehmen würde, um dort mit einem Computerprogramm gemeinsam Schach zu spielen. Die Bundeskanzlerin reagiert im darauf folgenden Dialog mit einer Reihe von kurzen mimischen Expressionen. Erst zieht sie sehr kurz die Oberlippe hoch. Hierbei handelt es sich um eine sogenannte Mikroexpression, die Ablehnung ausdrückt. Gefolgt wird dieser Ausdruck von einem Zusammenziehen der Augenbrauen (bedeutet meist Irritation oder Skepsis), sowie ein paar Sekunden später von einem einseitigen Anheben des linken Mundwinkels (dies kann Geringschätzung signalisieren, insbesondere wenn es wie hier davon begleitet wird, dass der Blickkontakt unterbrochen wird).

Merkel_Collage_RTL_2 Fotos: Screenshots aus "An einem Tisch mit Angela Merkel", RTLnow, 25.08.2013

Wichtig bei der Interpretation ist, dass Mimik und Körpersprache uns immer nur Hinweise auf den emotionalen Zustand einer Person geben, niemals handelt es sich um Beweise oder Wahrheiten. In diesem Beitrag geht es allerdings weniger um die Interpretation als vielmehr darum, wie diese Signale beim Empfänger ankommen und welche Gefühle sie bei ihm auslösen. Um dieses Phänomen zu beleuchten, lassen Sie uns einen kurzen Exkurs in die Gehirnforschung machen.

Das Facial Feedback und die Spiegelneuronen: Wie Mimik die Gefühle beeinflusst

Von Geburt an haben wir die Tendenz andere nachzuahmen. Wer Kinder hat, kann dieses Phänomen im wahren Leben beobachten. Ob es die vierjährige Tochter ist, die versucht in Mamas hochhackigen Schuhen zu laufen, oder der Sohn, der sich rasieren möchte, obwohl er noch gar keinen Bartwuchs hat. Mit solchen Beispielen ließen sich ganze Bücher füllen. Den Wenigsten dürfte hingegen bekannt sein, dass wir in einer Unterhaltung auch die Mimik unserer Gesprächspartner unbewusst nachahmen. Als Kind noch offensichtlich, als Erwachsener meist nur subtil und für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar. Dies hat man mittels Elektromyografie (EMG) nachgewiesen, einer Messmethode, in der Nadelelektroden benutzt werden, um zu bestimmen, ob ein Muskel aktiv ist oder nicht. In einer Studie zeigte man Probanden Bilder von Gesichtern mit Emotionsausdrücken und stellte fest, dass zum Beispiel der bloße Anblick eines ärgerlichen Gesichtsausdrucks dazu führt, dass die entsprechenden Muskeln in der Mimik des Betrachtenden leicht kontrahieren. Über ein Feedback der mimischen Muskulatur an unser Gehirn (Facial Feedback) kommt es dann dazu, dass wir als Beobachtende in reduzierter Stärke die Gefühle der beobachteten Person spüren. Eine Erklärung dafür, wie dieses sensorische Feedback der Mimik ans Gehirn als Grundlage unseres Einfühlungsvermögens funktioniert, liefert das Konzept der Spiegelneuronen, denn diese Nervenzellen sind verantwortlich für die eben beschriebene unbewusste Nachahmung von Gesichtsausdrücken.

Die Spiegelneuronen wurden 1992 von einer italienischen Forschergruppe entdeckt. Dabei handelt es sich um Nervenzellen, die unter anderem im prämotorischen Cortex vorkommen und dafür sorgen, dass die bloße Beobachtung einer Handlung bei einer anderen Person dazu führt, dass im eigenen Gehirn das gleiche Aktivitätsmuster auftaucht – als ob man die Handlung selbst ausführen würde. Wenn Sie zum Beispiel sehen, wie sich eine andere Person in den Finger schneidet, dann fühlen Sie im wahrsten Sinne des Wortes mit. Auf die gleiche Weise sind Spiegelneuronen auch für die ansteckende Wirkung des Gähnens verantwortlich.

Zurück zur Situation zwischen Frau Merkel und Herrn Freise: Die Bundeskanzlerin zeigt in dem Dialog mit Prof. Freise in weniger als einer Minute drei Signale, die Ablehnung und Abgrenzung signalisieren. Auch wenn er diese Signale nicht bewusst registrieren würde, so sorgen seine Spiegelneuronen und das Facial Feedback trotzdem dafür, dass die Gefühle zumindest auf unbewusster Ebene bei ihm ankommen. Und dieses Phänomen war einer der Einflussfaktoren, die dafür gesorgt haben, dass die Note sich von einer 4+ auf eine 4- verschlechtert hat.