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Die Mimik sagt schwarz-grün - eine nonverbale Analyse der Elefantenrunde (Praxisreihe Mimik-Analyse)

(dieser Beitrag ist auch als Artikel in der Wirtschaftswoche erschienen)

Gestern Abend fand wie nach jeder Bundestagswahl traditionsgemäß auf ARD und ZDF die Elefantenrunde mit den Spitzenkandidaten der Bundestagsparteien statt. Was haben Mimik und Körpersprache über die Gefühle der Politiker und mögliche Koalitionen verraten?

Ergänzend zu diesem Beitrag: Mitschnitt der Kolumne "Der Gesichterleser" auf radioeins


Beginnen wir mit Angela Merkel. So wie es bei dem guten Wahlergebnis zu erwarten ist, war sie deutlich entspannt und wirkte souverän. Sie zeigte viel echt erlebte Freude, erkennbar daran, dass die Augen mitlachen. Ein anderes, sehr zuverlässiges Zeichen, um einzuschätzen, ob ein Mensch gestresst ist oder nicht, ist die Blinzelrate: wie oft blinzelt ein Mensch pro Minute? In einem neutralen Zustand blinzeln wir ca. 10 bis 15 mal pro Minute. Bei Angela Merkel lag die Blinzelrate in den letzten Wochen während der meisten Interviews bei 30 bis 40. Ein Zeichen dafür, wie sehr sie unter Strom stand. Gestern Abend näherte sich die Blinzelrate mit 20 pro Minute wieder dem Normalniveau an und war ein deutliches Indiz dafür, dass sie locker und entspannt war.

Die Selbstsicherheit der Bundeskanzlerin wurde zusätzlich gleich in der ersten Interaktion mit Thomas Baumann, einem der beiden Moderatoren, in ihrer Mimik sichtbar. Thomas Baumann fragte: „Kann es sein, dass es im Prinzip auch eine negative Seite gibt? Es wird schwerer zu regieren. Siegt sich die Union zu Tode?“ Während der Frage zog Angela Merkel die Augenbrauen zusammen. Gleichzeitig spannte sie die unteren Augenlider an und hob den linken Mundwinkel. Insgesamt ein Ausdruck, der eine Mischemotion von Ärger und Geringschätzung darstellt. Solch einen Gesichtsausdruck zeigen wir nur, wenn wir uns überlegen fühlen. Vor allem, wenn er bei einem Menschen wie Angela Merkel auftritt. Ist sie sonst doch eher jemand, der nickt und lächelt, wenn er zuhört.

Angela_Merkel_1

Schauen wir uns einen weiteren Punkt an: Haben Mimik und Körpersprache Hinweise auf mögliche Koalitionen gegeben? Das war sehr interessant, weil sich, wenn man nur auf die Worte gehört hat, niemand für eine Koalition mit der Union angeboten hat.

Dass Peer Steinbrück keine Lust auf ein Bündnis mit der CDU hat, war sowohl aus seinen Worten als auch aus seiner Mimik und Körpersprache zu erkennen. Da war er absolut kongruent.

Anders sah es bei Jürgen Trittin aus. Als er gefragt wurde, ob er für ein schwarz-grünes Bündnis zu Verfügung stehen würde, antwortete er: „Sie haben eben das Szenario beschrieben, und ich kann niemandem, und meiner Partei schon gar nicht, raten, sich in eine Koalition hineinzubegeben, wo es auf sie nicht ankommt.“ Hier spricht er sich, mit dem was er sagt, deutlich gegen eine Koalition mit der Union aus.

Seine Mimik und Körpersprache haben allerdings während der Elefantenrunde etwas anderes gesagt. Als Angela Merkel zum Beispiel sagt „Vielleicht findet sich ja keiner, der mit uns was machen möchte.“, lächelt er sie verschmitzt an. Anschließend lachen die Bundeskanzlerin und er gemeinsam über diesen Satz.

Juergen_Trittin_Laecheln

Eine ähnliche Szene gab es später noch einmal: Angela Merkel macht einen Witz und er lacht erneut, wobei seine Mimik darauf hingedeutet hat, dass er den Ausdruck von Freude verstärkt hat, um deutlich zu sagen: „Wir sind auf einer Wellenlänge.“

Juergen_Trittin_lacht

Darüber hinaus hat Jürgen Trittin oft den Blickkontakt zur Kanzlerin gesucht. Alles in allem Zeichen, die Kooperation signalisieren und uns einen Hinweis darauf geben, dass zumindest er in seiner Partei bereit für Koalitionsgespräche wäre. Spannend in diesem Zusammenhang war auch Angela Merkels Halskette. Dieses Mal nicht wie beim TV-Duell in schwarz-rot-gold, sondern in schwarz-grün. Vielleicht mehr als ein Modeaccessoire?

In gleichem Maße wie die Interaktion zwischen dem Spitzenkandidaten der Grünen und der Bundeskanzlerin von kooperativen Signalen geprägt war, trug die Interaktion zwischen ihr und Peer Steinbrück eher den Untertitel „Wenn Blicke töten könnten...“.

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Bei Angela Merkel gab es noch einen anderen spannenden Gesichtsausdruck. Als sie sich zur „Zweitstimmen-Kampagne“ der FDP äußerte, huschte der folgende Ausdruck für ca. 300 Millisekunden über ihr Gesicht: Sie zieht die Oberlippe hoch. Dabei handelt es sich um eine Mikroexpression von Ekel (hier im Sinne von Widerwillen und Ablehnung) und zeigte deutlich, was sie von der Kampagne hält.

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Fazit

Es bleibt spannend. Das Verhältnis zwischen Union und FDP scheint angespannt. Das wurde auch schon im TV-Duell in der Mimik von Angela Merkel deutlich. Wobei sich die Frage, wie es hier mit einer möglichen Zusammenarbeit weitergehen könnte, bedingt durch das schlechte Wahlergebnis der Liberalen erst wieder in 4 Jahren bei der nächsten Bundestagswahl stellen wird. Auch zwischen CDU und SPD brennt es. Insbesondere auf Seiten der SPD scheint hier viel Ärger aufgestaut zu sein. Das wurde in mehreren Interviews sowohl in Peer Steinbrücks als auch in Sigmar Gabriels Mimik sichtbar. So bleiben nur noch die Grünen als möglicher Koalitionspartner. Dort spricht zumindest die Mimik und Körpersprache von Jürgen Trittin für Kooperationsbereitschaft.