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Wie Mimik auf Wahlkampfplakaten die Wählergunst beeinflusst (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Was beeinflusst, wie jemand auf einem Foto auf uns wirkt? Ein wichtiger Einflussfaktor sind die Gefühle, die wir bei einem Menschen wahrnehmen. Entscheidend ist dabei aber nicht, wie sich der auf dem Wahlplakat abgebildete Politiker wirklich gefühlt hat. Ausschlaggebend ist vielmehr, was bei uns ankommt: Was denken wir, wie die Person sich fühlt? Die Antwort auf diese Frage beeinflusst, wie wir einen Menschen einschätzen und beurteilen. Auf Grundlage der Erkenntnisse aus der Mimik- und Emotionsforschung habe ich mir deshalb die derzeitigen Wahlplakate der Parteien etwas genauer angesehen. Zwei Beispiele habe ich für diesen Blogbeitrag ausgewählt. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich damit keinerlei wertende Aussage über die politischen Inhalte der jeweiligen Partei machen möchte.

Beispiel 1

Welches Gefühl kommt bei Ihnen an, wenn Sie sich dieses Wahlplakat anschauen?

Wahlplakat Bundestagswahl 2013 - Martin Lindner, FDP Wahlplakat Bundestagswahl 2013 - Martin Lindner, FDP

Herr Lindner zeigt hier in seiner Mimik eine Mischemotion von Ekel und Verachtung. Prototypisch für den Ausdruck von Ekel ist das Hochziehen der Oberlippe. Hier erkennbar an den vertieften Nasolabial-Falten - das sind die Falten, die neben den Nasenflügeln beginnen. Diese Expression habe ich in mehreren anderen Beiträgen schon ausführlich beschrieben - zum Beispiel als Mikroexpression bei Angela Merkel und Peer Steinbrück. Gleichzeitig presst Martin Lindner seinen - aus unserer Sicht - rechten Mundwinkel ein. Ein prototypisches Zeichen für Verachtung.

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass diese Signale in diesem Fall nicht bedeuten müssen, dass Herr Lindner sich auf dem Foto wirklich so fühlt. Bei gestellten Fotoaufnahmen erzeugen wir in der Regel gezielt einen bestimmten Gesichtsausdruck. Im Kontrast zu echten Situationen im Leben, wo die Mimik dem Fluss der Emotionen folgt.

Ob es sich um einen künstlich erzeugten oder einen echten mimischen Ausdruck handelt, spielt für den Betrachter keine Rolle. Solange die Mimik ein bestimmtes Gefühl prototypisch und authentisch darstellt, kommt sie bei uns an. Verantwortlich dafür sind die Spiegelneuronen und das sensorische Feedback der Mimik ans Gehirn. Dieses Phänomen habe ich ausführlich im Blogbeitrag "Die Bundeskanzlerin und der Professor – wie Mimik die Wählergunst beeinflusst…" beschrieben.

Beispiel 2

Welches Gefühl kommt bei Ihnen an, wenn Sie sich dieses Wahlplakat anschauen? Betrachten Sie bitte jede Person auf dem Foto einzeln.

CDU_Berlin_2013

Bei Kai Wegner und der auf dem Plakat abgebildeten Frau ist ein soziales Lächeln sichtbar. Aber gucken wir uns die Mimik des Jungen etwas genauer an.

CDU_Berlin_2013_Zoom

Auch wenn dieser Gesichtsausdruck wahrscheinlich entstanden ist, weil er von der Sonne geblendet wird, so stellt er doch die prototypische Mimik von Ekel dar (Rümpfen der Nase). Dies ist aus Wahlkampfsicht und dem Spruch auf dem Plakat "Unsere Stimme hat er schon!" nicht sehr förderlich.

Fazit

Bei der Aufnahme von professionellen Fotos empfiehlt es sich, den Blick auch auf den emotionalen Ausdruck der Mimik zu richten. Dabei muss es nicht immer echt erlebte Freude sein, die transportiert wird. Abhängig davon welche Wirkung das Foto beim Betrachter erzeugen soll, kann der mimische Ausdruck hier sehr fein abgestimmt und der Emotionsausdruck variiert werden. Bisher gibt es nur wenige Fotografen, die in Mimikresonanz trainiert sind und ihre Wahrnehmung auf die emotionalen Aspekte der Mimik erweitert haben. Die Berliner Fotografin Bettina Volke zum Beispiel berücksichtigt in ihren Shootings auch die Ausdruckskraft der Mimik.