% Wahrnehmung

Die FDP drückt den Reset-Knopf: Christian Lindner ist neuer Parteichef (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Am Samstag wurde Christian Lindner mit 79 Prozent Zustimmung zum neuen FDP-Chef gewählt. Danach hat er mehrere Interviews gegeben. Für radioeins habe ich seine Statements analysiert. Wie geht es mit der FDP weiter? Was braucht es, damit der Wiedereinzug in den Bundestag klappt? Die Mimik und Körpersprache von Christian Lindner haben einen Innenblick erlaubt.

Das Video mit allen O-Tönen und Zeitlupenaufnahmen der nonverbalen Signale von Christian Lindner können Sie sich hier ansehen:



Mit Selbstvertrauen in die Zukunft? Der Mund sagt Ja, der Körper Nein

Die erste Szene, die wir uns ansehen, ist aus den Tagesthemen vom Samstagabend. Caren Mioska hat Christian Lindner hier Folgendes gefragt: "Herr Lindner, im Mai 2011 haben Sie gesagt: Als 32-jähriger, noch Unverheirateter, noch Kinderloser kann man nicht Vorsitzender einer Partei werden. Und jetzt mit 34 und inzwischen verheiratet, trauen Sie sich den Chef einer außerparlamentarischen Opposition zu?"

Herr Lindner antwortet auf diese Frage zwar mit Ja, schüttelt dabei aber den Kopf und zuckt einseitig mit der linken Schulter. Sein Körper widerspricht hier dem Gesagten. Kopfschütteln und Schulterzucken sind sogenannte Embleme. Durch Embleme kommuniziert unser Körper genauso klar wie mit Worten.

Die hier auftretende Inkongruenz zwischen den Worten und der Körpersprache kann unterschiedliche Gründe haben. Eine mögliche Bedeutung ist: Für Herrn Lindner war nicht entscheidend, ob er sich den Vorsitz der FDP zutraut, sondern vielmehr, dass er keine anderen Alternativen gesehen hat, um die Partei zu retten. Es bleibt aber ein Hinweis darauf, dass seine 2011 genannten Selbstzweifel zumindest teilweise immer noch vorhanden sind.


Gegenwind aus der eigenen Partei?

Auch wenn Christian Lindner mit 79 % Zustimmung auf dem Parteitag zum neuen Chef gewählt wurde, gab es in der FDP auch einigen Gegenwind für ihn. Zum Beispiel von dem Euro-Kritiker Frank Schäffler. Der hat versucht auch in den Parteivorstand zu kommen, ist aber mit 25 % der Stimmen gescheitert.

Dazu gab es eine spannende Szene am Sonntagabend im Bericht aus Berlin. Rainald Becker hat Herrn Lindner die Frage gestellt, ob er froh ist, dass Leute wie Frank Schäffler keine Rolle mehr spielen. Darauf hat Herr Lindner zwar geantwortet, dass er ihn einlädt weiterhin eine Rolle zu spielen und seine Position vortragen kann, dabei blinzelt er aber ein paar Mal schnell hintereinander. Das ist ein Zeichen dafür, dass hier sein Stresspegel steigt. Und danach kommt eine schnelle Mikroexpression in seiner Mimik, die uns den Grund dafür verrät: Er rümpft für 200 Millisekunden seine Nase. Ein Hinweis darauf, dass ihm die Position von Frank Schäffler nicht schmeckt.

Christian_Lindner_Nase_ruempfen

Christian Lindner rümpft die Nase - ein Zeichen für die Emotion Ekel, hier im Sinne von Ablehnung

Am Sonntag war Christian Lindner auch bei Berlin direkt zu Gast. Dort gab es ein eingespieltes Interview aus der letzten Woche mit Holger Zastrow, dem FDP-Landesvorsitzenden in Sachsen. Er sähe die Bundespartei als Infektionsrisiko. Moderator Thomas Walde hat Christian Lindner direkt mit dieser Aussage konfrontiert. Während Herr Lindner zuhört, presst er kurz den linken Mundwinkel ein. Das ist ein Zeichen für Verachtung, auch im Sinne von Überlegenheit. Christian Lindner kontert anschließend souverän, dass das Interview ja vor dem Parteitag aufgenommen wurde und erst dort die Personal- und Richtungsfragen entschieden wurden. Dabei kontrahiert sein äußerer Augenringmuskel minimal. Das ist ein Zeichen für echt erlebte Freude und kann hier meiner Meinung nach wie folgt interpretiert werden:

    1. Er scheint zufrieden zu sein mit dem Verlauf des Parteitags.
    2. Die echt erlebte Freude ist ein Hinweis darauf, dass er sich trotz einigen Gegenwinds durch die Partei oder zumindest durch Schlüsselpersonen in der Partei gestärkt fühlt. In dem oben aufgeführten Tagesthemen-Interview waren bei ihm ja noch widersprüchliche Signale sichtbar. Er selbst scheint also noch ein paar Zweifel zu haben, spürt aber offensichtlich die Rückendeckung. Das ist nicht selbstverständlich. Bei Peer Steinbrück war das zum Beispiel genau anders herum. Er hat im vergangenen Bundestagswahlkampf immer wieder Stresssignale gezeigt, wenn es in Interviews um parteiinterne Kritik gegen ihn ging.

Wenn die FDP das Ruder also rumreißen will, muss sie geschlossen hinter ihrem neuen Parteichef stehen und ihm den Rücken stärken.