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Die große Koalition: Mit Respekt und Sorge in die Zukunft (Praxisreihe Mimik-Analyse)


(dieser Artikel ist am 16.12.2013 auch in der Wirtschaftswoche erschienen)

Die SPD-Basis hat am Samstag mit einer überwältigenden Mehrheit von 75,96 Prozent der großen Koalition zugestimmt. Das bedeutet grünes Licht für die Regierungsbildung. Gestern wurden dann von SPD, CDU und CSU offiziell die Besetzungen der Ministerposten bekannt gegeben. Bei der SPD sickerten schon am Freitag einige Namen und Posten durch. Wie ist die Stimmung in den Koalitionsparteien? Für radioeins habe ich mir die Pressekonferenzen von CDU und SPD etwas genauer angesehen. Das Mienenspiel von Angela Merkel und Sigmar Gabriel haben Spannendes verraten.

Das Video mit allen O-Tönen und Zeitlupenaufnahmen des Mienenspiels von Angela Merkel, Peter Tauber (neuer CDU-Generalsekretär) und Sigmar Gabriel können Sie sich hier ansehen:

Sigmar Gabriel und die Aufgabe der Energiewende

Beginnen wir die Mimik-Analyse mit der SPD. Der Großteil der Parteiführung war am Samstag sichtlich überwältig und sehr gerührt von der großen Zustimmung durch die Parteibasis. Einigen, wie zum Beispiel Sigmar Gabriel, standen die Tränen in den Augen. Aber nicht nur Freude und Erleichterung war zu sehen.

Sigmar Gabriel wird Minister für Wirtschaft und Energie. Er hat am Samstagabend in den Tagesthemen ein Interview gegeben. Der Tagesthemen-Moderator Thomas Roth fragte ihn: "Aber es ist schon so, wenn Sie die Energiewende nicht hinbekommen, dann wären Sie gescheitert, richtig?" Es vergehen 2 Sekunden, bevor Sigmar Gabriel antwortet. Dann sagt er: "Ja, ich will sie ja hinkriegen." Als er dies sagt, zieht er für einen kurzen Moment seine Augenbrauen hoch und zusammen. Das ist eine Mikroexpression für Sorge. Er scheint also zu spüren, dass die Energiewende keine leichte Aufgabe wird.

Sigmar_Gabriel_Sorge

Sigmar Gabriel zieht für einen kurzen Moment seine Augenbrauen hoch und zusammen - ein Hinweis auf die Emotion Sorge

Angela Merkel und das schwere Wort "SPD"

Bei der CDU habe ich drei spannende Szenen aus der Pressekonferenz von gestern Abend eingefangen. Bevor wir uns das Mienenspiel der Bundeskanzlerin ansehen, lassen Sie uns kurz einen Blick in die Mimik des neuen CDU-Generalsekretärs Peter Tauber werfen. Er hat sich auf der gestrigen Pressekonferenz vorgestellt. Als er zu den Herausforderungen kam, die die nächsten vier Jahre bereithalten, sagte er: "Ich glaube in der Tat, die Union steht vor großen Herausforderungen. Die erste Herausforderung ist: Wir müssen das Vertrauen, das die Menschen in uns gesetzt haben, rechtfertigen. Dazu gehört, dass wir auch die Unterschiede zwischen uns und den Sozialdemokraten in der großen Koalition entsprechend herausarbeiten." Als er dies sagt, bewegen sich seine Augenbrauen auf die gleiche Weise wie auch schon bei Sigmar Gabriel in dem Tagesthemen-Interview. Er zieht die Augenbrauen hoch und zusammen. Auch hier ein Hinweis auf Sorge. Ist er vielleicht besorgt, dass dieses Mal nicht die SPD, sondern die CDU als Verlierer aus der großen Koalition hervorgehen könnte.

Peter_Tauber

Peter Tauber zieht seine Augenbrauen hoch und zusammen - ein Hinweis auf die Emotion Sorge

Aber nicht nur die Sorgenfalten von Peter Tauber waren aufschlussreich, auch Angela Merkels Mienenspiel hat einiges verraten. Allgemein lässt sich sagen, dass ihre Atmung schneller als üblich und auch die Blinzelrate erhöht war. Das sind Hinweise darauf, dass Merkels Stresspegel während der Pressekonferenz erhöht war.


Und dann gab es aus mimischer Sicht zwei sehr interessante Szenen. Als Angela Merkel sagt, "Ich werde natürlich dem Bundespräsidenten auch des Weiteren vorschlagen, die von der CSU und SPD heute benannten Minister dann auch zu ernennen.", kostet es sie erhebliche Anstrengung das Wort "SPD" auszusprechen. Sie stockt kurz im Sprechen, schiebt dabei den Kiefer nach vorne, hebt den Kinnbuckel an und beißt sich auf die Lippen. Das ist eine typische Bewegung, wenn wir Emotionen kontrollieren möchten. Um welche Emotion es sich hier handelt, lässt sich leider nicht präzise sagen. Der Kiefervorstoß ist hier ein vorsichtiger Hinweis auf Ärger und das Anheben des Kinnbuckels auf Trauer. Auf jeden Fall fällt es ihr sichtlich schwer, den Namen ihres Koalitionspartners auszusprechen. Was zusätzlich auf einen erhöhten Stresspegel hinweist, ist: Exakt in dem Moment, nachdem sie das Wort "SPD" ausgesprochen hat, blinzelt sie ein paar Mal schnell hintereinander.

Angela_Merkel_Kiefervorstoss

Angela Merkel schiebt den Kiefer nach vorne, hebt den Kinnbuckel an und beißt sich auf die Lippen - eine typische Mimik, um Emotionen zu kontrollieren.

Ein paar Sekunden später kam dann direkt die zweite Szene. Sie sagt: "Ich habe gestern schon gesagt, dass die Mitgliederbefragung der SPD sehr erfolgreich war, dass ich gratuliere zu dem Erfolg." Während sie das Wort "gratuliert" sagt, zucken für einen kurzen Moment ihre Augenbrauen-Innenseiten nach oben. Das ist ein Signal für die Emotion Trauer. Insgesamt scheint sie also mit der Situation nicht ganz glücklich zu sein.

Fazit

Sowohl in der SPD- als auch in der CDU-Führung sind Signale für Stress und Sorgen in Bezug auf die bevorstehende, gemeinsame Regierungszeit zu sehen. Es wird spannend, wie sich die Situation - auf sachlicher wie auf emotionaler Ebene - in der laufenden Legislaturperiode entwickelt.