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Der Fall Edathy und die Krise der großen Koalition (Praxisreihe Mimik-Analyse)


Der Fall Edathy ist längst zur Krise der großen Koalition geworden. Am Freitag ist der ehemalige Innenminister und anschließende Agrarminister Hans-Peter Friedrich vor die Presse getreten und von seinem Amt zurückgetreten. Auch die Staatsanwaltschaft Hannover hat sich öffentlich zur Situation im Fall Sebastian Edathy geäußert. Für radioeins habe ich mir die Pressekonferenzen angesehen und etwas genauer in die Gesichter der Beteiligten geschaut.

Der Rücktritt: Was verrät die Mimik von Hans-Peter Friedrich?

Die Rücktrittserklärung von Hans-Peter Friedrich am Freitag war zwar nur sehr kurz, aber er war sichtlich bewegt. Auch wenn er gesagt hat, dass er nach wie vor überzeugt ist, rechtlich und politisch richtig gehandelt zu haben, gab seine Mimik einen anderen Hinweis: Möglicherweise bereut er, dass er Sigmar Gabriel im Oktober 2013 über den Verdacht gegen den SPD-Politiker Sebastian Edathy informiert hat. Das ist erkennbar daran, dass er für einen kurzen Moment die Augenbrauen-Innenseiten hochzieht. Ein zuverlässiges Zeichen für Trauer. Das könnte sich hier statt auf Gabriel allerdings auch auf mangelnden Rückhalt durch die Kanzlerin oder andere Personen beziehen. Denn wirklich freiwillig ist er ja nicht zurückgetreten.

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Hans-Peter Friedrich zieht die Augenbrauen-Innenseiten hoch - ein Zeichen für Trauer. Bildquelle: phoenix

Ein zusätzliches Zeichen für aufgestaute Emotionen in Richtung SPD folgt kurz danach. Als Friedrich „SPD“ sagt, blinzelt er ein paar Mal schnell hintereinander. 

Sehr interessant war noch eine andere Szene in der Pressekonferenz. Und zwar als Hans-Peter Friedrich sagt: "Ich möchte sagen, dass ich mit großer Leidenschaft und sehr viel Herzblut dieses Amt hier aufgenommen habe." Hier zeigt Friedrich in seiner Mimik Signale für Wehmut. Wehmut ist eine Mischung aus Freude und Trauer. Deswegen mischen sich hier auch die Signale von Freude und Trauer in seinem Gesicht. Er lächelt und gleichzeitig zieht er die Augenbrauen-Innenseiten nach oben. Der Rücktritt fällt ihm also sichtlich schwer.


 Der Vorwurf: Welche Emotionen bewegt die Staatsanwaltschaft?

Am Freitag hat sich der Leiter der Staatsanwaltschaft Hannover, Jörg Fröhlich, zum Fall Edathy in einer Pressekonferenz geäußert. Er ist darin auch auf die Situation eingegangen, dass bereits im Oktober 2013 Informationen über den Verdacht gegen Sebastian Edathy an nicht berechtigte Personen weitergegeben wurden. Als er darüber spricht sind drei Emotionen in seiner Mimik erkennbar gewesen.


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Einpressen des linken Mundwinkels - ein Zeichen für Verachtung. Bildquelle: phoenix

Dann verwechselt er beim Sprechen die Jahre ohne es zu merken. Statt Oktober 2013, sagt er Oktober 2014. Ein Zeichen für eine hohe emotionale Anspannung. Die konkrete Emotion verrät dann sein Gesicht. Er reißt für eine halbe Sekunde die Augen auf und zieht gleichzeitig seine Lippen seitlich auseinander. Das ist ein Signal für Angst. Wahrscheinlich im Sinne von Entsetzen, dass er erst jetzt und durch die Medien davon erfahren hat, dass Informationen weitergegeben wurden.

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Hochgezogene Oberlider und die Lippen sind seitlich gespannt - ein Zeichen für Angst. Bildquelle: phoenix

Direkt danach zieht er die Augenbrauen leicht zusammen und spannt die unteren Augenlider an. Das ist ein Hinweis auf kontrollierten Ärger.

Verachtung, Entsetzen und Ärger bei der Staatsanwaltschaft - nicht nur deshalb ist damit zu rechnen, dass das Thema mit dem Rücktritt Friedrichs noch nicht erledigt ist. Innerhalb der großen Koalition kriselt es bereits deutlich. Am Samstag war CSU-Parteitag in Bamberg und dort hat sich Horst Seehofer zur Situation geäußert.

Die Krise: Welche Emotion bewegt CSU-Chef Seehofer nach dem Rücktritt Friedrichs?

Als Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag sagt, dass unter den drei Parteivorsitzenden in absehbarer Zeit über die Art und Weise der Zusammenarbeit geredet werden muss, schließt er seine Aussage, indem er seine Lippen seitlich auseinander zieht. Das ist die gleiche Bewegung, die auch der Leiter der Staatsanwaltschaft gezeigt hat. Seehofer reißt dabei allerdings nicht die Augen auf.

Deswegen kann diese Bewegung hier zum einen ein Zeichen für leichte oder kontrollierte Angst sein. Zum Anderen ziehen wir aber auch die Lippen seitlich auseinander, wenn uns etwas unangenehm, im Sinne von schmerzhaft ist. Die Folge ist aber bei beiden Bedeutungen ziemlich identisch: Er scheint zu erwarten, dass es ziemlich heftig wird.

Seehofer

Horst Seehofer zieht seine Lippen seitlich auseinander - ein Zeichen für Angst oder erwarteten Schmerz. Bildquelle: ARD

Die Woche wird auf jeden Fall spannend. Alle Blicke sind nun in Richtung SPD, insbesondere auf Thomas Oppermann gerichtet.