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WM-Mimik-Analyse: Deutschland gegen Portugal


Sonntag war ein emotionaler Fußball-Abend. Die deutsche Mannschaft hat 4:0 gegen Portugal gewonnen. Ich habe beim Spiel wie immer etwas genauer hingeschaut und die Emotionen analysiert. In diesem Beitrag erfahren Sie u.a., warum es "positiven" und "negativen" Ekel gibt, und welche Mimik wir hoffentlich bei den deutschen Gegnern noch öfter sehen.

Den Schalter umlegen: Wie Thomas Müller Anspannung in Leistung umwandelt

Vor dem Einlaufen war sowohl bei den deutschen als auch den portugiesischen Spielern der Stresspegel erhöht. Dies war daran zu erkennen, dass die Anzahl der Beruhigungsgesten - wie zum Beispiel Kratzen im Gesicht und Lippen lecken - zugenommen haben. Vor solch einem Spiel ein völlig normaler und auch gewünschter Umstand. Denn um die Leistung voll und punktgenau abrufen zu können, braucht es eine gewisse Anspannung. Zu viel Lockerheit kann hier schaden.

Mueller_Stress

Beruhigungsgeste bei Thomas Müller

Die entscheidende Frage ist: Gelingt es im entscheidenden Moment von Anspannung auf Leistung umzuschalten? Für Thomas Müller war dieser Moment die elfte Spielminute. Elfmeter für Deutschland.

Welche Emotion erkennen Sie hier vor dem Schuss in seiner Mimik?

Mueller_Elfmeter

In dieser Szene spannt Thomas Müller seine Lippen an und rollt sie ein. Ein zuverlässiges Signal für Ärger. Am nach unten und leicht defokussierten Blick erkennt man die hier noch nach innen gerichtete Aufmerksamkeit: Er sammelt sich und konzentriert seine Leistung auf diesen Moment. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass Ärger in der richtigen Dosierung die Leistungsfähigkeit steigert - im Sinne einer Fokussierung der Aufmerksamkeit und erhöhten Spannung der Muskulatur. Es gelingt ihm hier also seine Anspannung in eine erhöhte Leistungsbereitschaft umzusetzen.

Tooooooor! Wenn sich aufgestaute Zielenergie entlädt

Nach dem erfolgreichen Torschuss Müllers entlädt sich die aufgestaute Zielenergie in Form von "positivem" - im Sinne von Erfolg feierndem - Ärger und Ekel. Müller schreit vor Freude und seine Mimik zeigt die prototypischen Merkmale von Ärger und Ekel. Die Augenbrauen sind zusammengezogen, die Nase ist gerümpft. Aber nicht nur er zeigt diese Merkmale. Auch bei Götze, Khedira und Boateng waren sie sichtbar. Die Regel lautet hier: Je größer die Anspannung und Motivation, desto größer die Entladung.

Mueller_Entladung

Durch das Tor entlädt sich aufgestaute Zielenergie in Form von Ärger und Ekel

Ekel spüren wir also nicht nur, wenn wir etwas eklig finden, sondern auch wenn unser Kampfgeist aktiviert wird und wir dann etwas erfolgreich bewältigen. Dafür gibt es einen nachvollziehbaren neurobiologischen Hintergrund: Die universale Funktion von Ärger und auch Ekel ist es, Zielhindernisse zu beseitigen. Und diese aufgestaute Energie entlädt sich hier durch den erfolgreich verwandelten Elfmeter.

Unmoralische Handlungen als Ekelauslöser

Aber Ekel hat auch die Seite, die wir alle kennen. Klassisch wird er ausgelöst, wenn wir zum Beispiel etwas Verdorbenes riechen oder schmecken. Dabei ist es aber nicht geblieben. Im Laufe der Evolution hat sich Moral als Ekel "verkörpert". Das heißt, auch eine unmoralische Handlung löst Ekel oder die damit eng verwandte Verachtung aus. Bei Verachtung kommt der Aspekt des "Ich fühle mich besser als der andere" hinzu. Die Portugiesen hatten im Spiel gegen Deutschland zwar keine Gelegenheit Ihre Anspannung mittels eines erfolgreichen Torschusses zu entladen, dafür hatten Sie genug Möglichkeiten für die andere Seite des Ekels. Es war nämlich deutlich zu erkennen, was sie von der Schiedsrichterleistung hielten.

Der Trainer Portugals Paulo Bento sagte in einem Interview nach dem Spiel: "Zur Schiedsrichterleistung sage ich jetzt lieber nichts." Seine Mimik spricht aber deutliche Worte. Er zieht die Oberlippe hoch. Ein prototypisches Merkmal der Ekelexpression.

Bento_Ekel

Paulo Bento zieht die Oberlippe hoch - ein prototypisches Mimik-Merkmal von Ekel

Aber nicht nur ihm hat man angesehen, was er von der Schiedsrichterleistung hielt. Nach der roten Karte für einen portugiesischen Spieler zeigte die Kamera Ronaldo. Welche Emotion erkennen Sie hier?

Ronaldo_Verachtung

Ronaldo presst den linken Mundwinkel ein und hebt die linke Augenbraue an. Das ist der prototypische Gesichtsausdruck für Verachtung.

Das Gesicht von Trainer Bento hat allerdings noch mehr über seine Emotionen verraten. Fast im kompletten Interview zog er die Augenbrauen-Innenseiten nach oben. Der klassische Gesichtsausdruck für Trauer, den weltweit alle Menschen bei einer Niederlage zeigen.

Bento_Trauer Paulo Bento zieht die Augenbrauen-Innenseiten hoch. Kulturübergreifend ein zuverlässiges Zeichen für Trauer.

Hoffen wir, dass wir diesen Gesichtsausdruck auch nach den nächsten deutschen WM-Spielen bei den Gegnern sehen.