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WM-Emotions-Analyse: Das 30-Minuten-Trauma oder Wie man 5 Tore in 30 Minuten schießt


Es war ein Schützenfest. Deutschland gewinnt im WM-Halbfinale 1:7 gegen den Favoriten und Gastgeber Brasilien. Eine Sensation und der höchste WM-Halbfinal-Sieg aller Zeiten. Aber wie konnte es dazu kommen? Im heutigen Blogbeitrag werfen wir einen Blick auf das emotionale Phänomen dieses Spiels. Denn die Erklärung findet sich in der Neurobiologie und lautet: Refraktärzeit.

Die brasilianische Mannschaft fiel schon in den anderen Spielen durch einen eher labilen emotionalen Zustand auf. Öfter suchte sich der Druck ein Ventil und die Tränen rollten. Nach dem 0:1 in der 11. Spielminute bewahrte Brasilien noch einiger Maßen die Fassung, aber das 0:2 in der 23. Minute destabilisierte die Mannschaft komplett.

Brasilien_Trauer

Der prototypische Gesichtsausdruck von Trauer nach dem 0:2 für Deutschland bei einem brasilianischen Fan

Gelähmt durch die Trauer und den Schock Brasiliens, hatte die deutsche Elf viel Raum. Innerhalb von 6 Minuten schoss das DFB-Team drei weitere Tore. Für Brasilien ein Trauma, für Deutschland exakt 60 Jahre und 5 Tage nach dem Wunder von Bern das Wunder von Belo Horizonte.

Brasilien_Schock

Das 0:3. Aus Trauer wird Schock: Die Augenbrauen hoch- und leicht zusammengezogen, der Mund geöffnet.

Wie lässt sich dieses "Schützenfest" aus neurobiologischer Sicht erklären?

Auch wenn Emotionen an sich nur von kurzer Dauer sind, so wirken sie doch noch eine gewisse Zeit nach. Sie versetzen Körper und Psyche in einen "voreingestellten" Bereitschaftszustand. Diese Zeit der Nachwirkung wird Refraktärzeit genannt. Das bedeutet, wenn wir eine bestimmte Emotion erleben, wie zum Beispiel Trauer, dann dauert es eine Weile, bis wir wieder offen werden für einen neuen emotionalen Zustand. Und in dieser Zeit fungiert die entsprechende Emotion als Wahrnehmungsfilter: Alles, was passiert, nehmen wir durch diese Emotion hindurch wahr. Im Falle von Trauer ist zum Beispiel die Muskelspannung deutlich herabgesetzt. Trauer gehört genau wie Angst zu den defensiven Emotionen. Das heißt, wir ziehen uns zurück. Und genau dies konnte man bei den brasilianischen Spielern beobachten. Spätestens nach dem 0:2 bewegten sie sich langsamer und ließen der deutschen Mannschaft viel Raum.

Hinzukommt, dass das deutsche Team mit viel Zuversicht und Vertrauen in dieses Spiel gegangen ist. 

 
Am 13. Juli heißt es also: Finale. Gegen Argentinien oder die Niederlande. Ich hoffe, dass wir diesen Gesichtsausdruck von Thomas Müller dort öfter sehen werden. ;)

Mueller_Entladung

Der typische Gesichtsausdruck nach einem erfolgreichen Torschuss: Eine Mischung aus "positivem" Ärger und "positivem" Ekel. Die aufgestaute Zielenergie entlädt sich.

Buchtipp vor dem Finale ;)

Damit Sie die Mimiken der Interviews vor dem Finale richtig deuten können oder einfach als Sommerlektüre. ;) An dieser Stelle auch ein großes Dankeschön für die vielen positiven Rückmeldungen und die 40 Rezensionen bei Amazon.

buch_mimikresonanz