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Was Mimik lesen mit Toleranz zu tun hat!


Seit vorgestern läuft bei der ARD die Themenwoche „Toleranz“. Es geht um Andersartigkeit und die Akzeptanz dessen. Dies war Anlass für mich, für radioeins das Thema Toleranz einmal aus nonverbaler und emotionspsychologischer Sicht zu betrachten. Was verraten uns Mimik und Emotionen über Toleranz?

Die Folge meiner radioeins-Kolumne zum Thema Mimik und Toleranz können Sie sich hier anhören:


Die Hindernisse der Toleranz

Auch wenn wir es wollen, ist es manchmal gar nicht so leicht, tolerant zu sein. Es gibt zwei Emotionen, die uns dabei am meisten im Weg stehen: das sind Ekel und Verachtung. Diese Emotionen zeigen wir in der Regel dann, wenn etwas nicht in unser Wertesystem passt. Im Mitschnitt der radioeins-Kolumne hören Sie ein Beispiel von Bayern-Trainer Pep Guardiola. Nach einem 5:2-Sieg gegen Werder Bremen letzte Saison hat er in seiner Mimik Verachtung gegenüber der Leistung seiner eigenen Mannschaft gezeigt. Er spricht zwar davon, dass er traurig und enttäuscht ist, seine Mimik zeigt in diesem Interview aber andere Signale: Er zieht die Oberlippe auf der einen Seite hoch. Das ist exemplarisch für Verachtung.

Einseitiges Hochziehen der Oberlippe - ein mimisches Signal für Verachtung Einseitiges Hochziehen der Oberlippe - ein mimisches Signal für Verachtung

Jetzt kann man sich hier zu Recht die Frage stellen: Wieso zeigt Guardiola Verachtung, wenn seine Mannschaft gewonnen hat? Aus meiner Sicht schimmert hier sein hoher Perfektionsanspruch durch, was ihn ja auch zu einem der besten Fußball-Trainer macht. Da kann es schon mal vorkommen, dass Guardiola - trotz eines guten Ergebnisses – mit der Mannschaftsleistung nicht zufrieden ist. In seinem Wertesystem ist der Weg zum Ziel anscheinend mindestens genauso wichtig wie das Ergebnis.

Wenn wir jetzt von diesem speziellen Beispiel weggehen und uns ganz allgemein das Thema Wertvorstellungen ansehen, dann liegt genau hier der Schlüssel für mehr Toleranz. Je offener unser Wertesystem ist, desto besser können wir Abweichungen akzeptieren. Je enger, desto empfindlicher reagieren wir, wenn sich jemand anders verhält als wir es tun würden und das tun wir besonders stark mit der Emotion Verachtung. Das Gefährliche daran ist: Wenn wir Verachtung spüren, fühlen wir uns automatisch überlegen und gucken von oben herab, respektieren die andere Person nicht. Verachtung ist also das Gegenteil von Respekt. Das ist übrigens für jegliche Art von Beziehungen tödlich. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass sogar das Immunsystem geschwächt wird, wenn wir verachtet werden.

Für die zweite Emotion, die uns auf dem Weg zu mehr Toleranz behindern kann, hören Sie in dem radioeins-Mitschnitt ein Beispiel aus der Talkshow „Maybrit Illner“. Der Wirtschaftsprofessor Ansgar Belke äußert sich hier zu den Wahlprogrammen von CDU und SPD. Als er sagt, dass die Geldpolitik von den Parteien nicht kritisiert wird, rümpft er kurz die Nase. Das ist der prototypische Ausdruck für Ekel.

Rümpfen der Nase - der prototypische Ausdruck für Ekel Rümpfen der Nase - der prototypische Ausdruck für Ekel

Jetzt fragt man sich: Warum zeigt er hier Ekel? Ekel zeigen wir interessanter Weise nicht nur, wenn wir etwas Verdorbenes riechen oder schmecken, sondern auch wenn uns die Einstellung einer Person nicht gefällt. In dem Fall ist Belke anscheinend nicht damit einverstanden, dass die Parteien die Geldpolitik nicht kritisieren. Genau wie Verachtung ist Ekel also auch ein Ausdruck dafür, dass eine Sache oder Meinung nicht unserem Wertesystem entspricht. Der einzige Unterschied hier ist, dass wir uns bei Ekel nicht überlegen fühlen. Trotzdem steht uns Ekel bei der Toleranz im Weg.

Der Weg zu mehr Toleranz

Wenn wir Toleranz fördern wollen, hilft es, das Wertekorsett ein bisschen zu lockern. Denn je enger unser Wertekorsett ist, desto häufiger spüren wir Verachtung und Ekel. Natürlich haben diese beiden Emotionen auch ihre Berechtigung, zum Beispiel wenn jemand etwas Unmoralisches tut. Wenn es jetzt aber darum geht, uns in Sachen Toleranz zu trainieren, dann ist es hilfreich, unser Wertesystem ab und zu mal zu hinterfragen. Das heißt nicht gleich, dass man eine andere Partei wählen muss, sondern vielleicht einfach nur mal was Neues ausprobiert – ein anderes Restaurant, einen anderen Weg zur Arbeit oder mal ein neues Hobby. Das tut übrigens sogar gut und ist wissenschaftlich belegt. Wenn wir etwas Neues tun, dann belohnt uns unser Gehirn mit einer Extra-Dosis des Glückshormons Dopamin. Und dann erleben wir noch zwei andere Emotionen: nämlich Freude und Neugier. Und die sind der Schlüssel dazu, anderen Menschen offen zu begegnen.

Um speziell bei Kindern und Jugendlichen die Offenheit und Empathie für die Vielfalt und Andersartigkeit anderer Menschen zu fördern, haben wir den gemeinnützigen Verein Mimikresonanz e.V. ins Leben gerufen. Die Projekte sind in Vorbereitung und starten Anfang nächsten Jahres. Im Rahmen der Vereinsarbeit führe ich zusätzlich eine feste Anzahl an kostenfreien Vorträgen an Schulen und Kindertagesstätten durch. Für mehr Informationen können Sie sich gerne an uns wenden. Darüber hinaus freuen wir uns über jede Art von Unterstützung, Mehr Informationen über den Verein finden Sie hier: www.mimikresonanz.org