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Was Sie in einem Wiener Kaffeehaus für Ihre Partnerschaft lernen können


Da gestern die erste Mimikresonanz-Trainerausbildung in Österreich begonnen hat, sitze ich gerade in einem Wiener Kaffeehaus und lasse den Tag gemütlich ausklingen. In den 1920er Jahren entdeckte die 21-jährige Psychologie-Studentin Bluma Zeigarnik hier ein faszinierendes Phänomen. Sie beobachtete die Kellner und war völlig beeindruckt, dass diese auch die kompliziertesten Bestellungen im Kopf behielten, ohne sich irgendetwas zu notieren. Überrascht war Zeigarnik, dass die Kellner die Bestellung sofort wieder vergaßen, nachdem sie diese an den Tisch gebracht hatten. Sie fand heraus, dass wir uns an unerledigte, offene Aufgaben besser erinnern als an abgeschlossene. Dieses Phänomen wird heute in der Psychologie als Zeigarnik-Effekt bezeichnet und wirkt sich auch in Beziehungen aus: Wir erinnern uns an offene Konfliktthemen stärker als an gelöste. Streiten sich zwei Menschen immer wieder ohne zum Schluss emotional auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, richtet dies langfristig einen verheerenden Schaden an. Durch die „unerledigten“ Konflikte gewinnen destruktive Gefühle wie Verachtung mehr und mehr die Oberhand in der Partnerschaft. Das Fatale: Verachtung ist besonders zerstörerisch für eine Partnerschaft, denn sie sorgt dafür, dass sich zwei Menschen, die einmal glücklich miteinander waren, Stück für Stück voneinander entfernen.

Dies bestätigen die Forschungen des amerikanischen Psychologen John Gottman. Er hat in mehr als 40 Jahren über 3.000 Paare analysiert, um herauszufinden, was eine Partnerschaft einerseits glücklich macht und wie sich andererseits vorhersagen lässt, dass sich eine Beziehung dem Ende nähert. Das häufigste Experiment, das Gottman bei seinen Untersuchungen durchgeführt hat, ist das Konfliktgespräch. Dabei lässt er ein Paar 15 Minuten lang eine Unterhaltung über ein Thema führen, in dem sich die beiden nicht einig sind. An den Versuchsaufbau müssen sich die meisten erst einmal gewöhnen: Auf jedes Gesicht ist eine Kamera gerichtet, so dass alles auf Video aufgezeichnet wird und Gottman über einen Split-Screen die Mimik von jedem einzeln genau analysieren kann. Während eines Paar-Gesprächs wird von trainierten Beobachtern die Mimik analysiert und auch die anderen relevanten nonverbalen und verbalen Signale ausgewertet. Der Aufwand lohnt sich: Mit seinen Berechnungen gelingt es Gottman nach einem 15-minütigen Gespräch mit 95prozentiger Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, ob das Paar in 15 Jahren noch verheiratet sein wird oder nicht. Das sind bemerkenswerte Ergebnisse. Eine Emotion hat sich dabei als besonders zerstörerisch für das Beziehungsglück herauskristallisiert, wenn sie in einer Partnerschaft wiederholt auftritt: Verachtung.

Mein Tipp für eine dauerhaft glückliche und stabile Partnerschaft lautet deshalb: Verhalten Sie sich niemals verächtlich und herablassend, sondern bleiben Sie vor allem in einem Konflikt stets auf Augenhöhe mit ihrem Partner. Dies gelingt, wenn Sie das Verhalten einer Person von ihrer Persönlichkeit entkoppeln. Die Botschaft sollte lauten: Wie du dich verhältst, finde ich nicht ok, aber du als Person bist in Ordnung. Wenn Sie dies beachten, ist es völlig in Ordnung, sich auch mal zu streiten. Das kommt bei den glücklichsten Paaren vor und schadet der Beziehungszufriedenheit nicht. Achten Sie aber darauf, dass Sie sich anschließend auch wieder versöhnen. So vermeiden Sie den Zeigarnik-Effekt in Ihrer Partnerschaft. Sind Sie im Konflikt auf Augenhöhe geblieben, gelingt dies wesentlich leichter.

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Der Liebes-Code